STADTMENSCHEN : Die letzte Lesung

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Sie sei „zwischen Helmut Schmidt und Joopi Heesters“ angesiedelt, sagt ihr Verleger und verkündet, dass es ihm gelungen sei, die Dame auf dem Podium davon abzuhalten, zur Buchmesse nach Leipzig zu fahren. „Sie wollte unbedingt, aber die Anstrengung ist entschieden zu groß“ sagt Frank Schumann von der Edition Ost. Doch Elfriede Brüning kontert: „Von wegen. Es macht doch richtig Spaß, seine Leser zu treffen.“ Wenn nun schon nicht Leipzig, dann wenigstens Prenzlauer Berg, im Habbema im Hofgebäude von der Mülhauser Straße. Auf der Bühne der Peter-Hacks-Gesellschaft sitzt die wohl älteste Schriftstellerin der Welt, Elfriede Brüning. Die Frau mit dem roten Schal und einem verschmitzten Lächeln wird im November 103 Jahre alt, hat 28 autobiografisch gefärbte Bücher geschrieben, Frauenschicksale dokumentiert und mit ihren Geschichten von den kleinen Leuten ein großes Publikum erreicht. Seit mehr als 80 Jahren liebt sie ihre Schreibmaschinen, erst entstanden hier die Artikel für das „Berliner Tageblatt“ (da war sie 19) und für die Vossische Zeitung, dann folgten Erzählungen und Romane. 1932 tritt sie dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller bei, arbeitet im kommunistischen Widerstand, schreibt für die Schreibtischschublade. Nun tippt sie das Vorwort zu ihrem letzten Buch in ihre „Erika“-Schreibmaschine. Sie will jenen deutschen Kommunistinnen ein Denkmal setzen, die unter Stalin als „Verräter des Volkes“ in Arbeitslagern in den Hungersteppen Kasachstans einem barbarischen Schicksal preisgegeben waren. Nach der Wende landeten die Bücher mit den erschütternden Tonbanddokumenten im Orkus, nun wurden sie unter dem Titel „Nun, ich lebe noch“ wieder aufgelegt. Elfriede Brünings letzte Arbeit, dann stellt sie ihre Reiseschreibmaschine in die Ecke. „Ich lebe doch nicht mehr in dieser Zeit. Mir fällt nichts mehr ein. Ich bin ausgeschrieben.“ Elfriede Brüning macht Ernst. Wie vor zwei Jahren, als die begeisterte Auofahrerin als Hundertjährige ihren Führerschein erneuern sollte. Nicht mit ihr. „Da habe ich dann aufgehört, aber schweren Herzens!“ Lothar Heinke

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