STADTMENSCHEN : Ein Diplomat gibt Nachhilfe

Foto: Mike Wolff
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Sie kommen aus verschiedenen Ländern und haben unterschiedliche Professionen. Aber ihre Neigung zum trockenen, leicht provokanten Humor verbindet Peter Boehm, seit drei Jahren Botschafter Kanadas in Deutschland, und Heinz Dürr, einst Chef der Deutschen Bahn und jetzt Präsident des exklusiven Berlin Capital Clubs. „Ich bin überrascht, dass sie hier noch keine Occupy-Demo im Haus haben“, flachste Boehm, als er am Dienstagmorgen beim Frühstücksvortrag in den edlen Club-Räumen den Blick über den Gendarmenmarkt schweifen ließ. „Ein Ort wie dieser wäre ein natürliches Ziel für den Protest“, sagte er vor den versammelten Unternehmern und Diplomaten. Zuvor hatte Dürr, der den Topmanager-Club vor zehn Jahren mitgründete, seinen Gast mit den saloppen Worten eingeführt, dass der ja überraschend gut Deutsch spreche, später attestierte er ihm gar schwäbische Qualitäten. Neben den bei solchen Anlässen üblichen freundlichen Worten über die guten Wirtschaftsbeziehungen gab der Botschafter auch, für Diplomaten eher untypisch, einige kritische Einschätzungen von sich. So wie die, dass Deutschland trotz seiner Ambivalenz nicht umhinkomme, die „Führungsrolle“ in der EU zu übernehmen. Als ihm ein deutscher Diplomat entgegnete, beim Thema Führung seien die Deutschen „mental blockiert“ und trauten sich eine solche Rolle auch zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung noch nicht zu, antwortete Böhm trocken: „Das war kein Wunsch, sondern eine Feststellung, dass es so kommen wird – ob es Ihnen gefällt oder nicht.“ Europa müsse endlich mit einer Stimme sprechen. Die „Augen der Welt“ seien deswegen auf Deutschland gerichtet. lvt

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