Berlin : Stadtmenschen: Harte Arbeit geht vor der Party

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Deutsche Oper, Dienstagabend. "Berlin, die ganze Geschichte, alles, das ist roarrr", brüllt Gérard Lemaitre wie ein Löwe und sieht dabei aus, als hätte ihn gerade jemand ein Zentnergewicht in die Arme gelegt. Und dann lächelt er. So wie er vor drei Stunden ins Publikum gelächelt hat, als Dirigent eines imaginären Orchesters zu Beginn von Arcimboldo 2000. Gérard Lemaitre, seit fast 40 Jahren Mitglied des Nederlands Dans Theaters und einer der Stars des Abends, ist auch der Star des kleinen Premierenempfangs im dritten Stock. Nach seiner Rede vom Blatt schüttelt der niederländische Gesandte Michiel Den Hond ihm anstelle des abwesenden Choreographen Jirí Kílian die Hand. Ein paar andere schließen sich an. Dann ist das Buffet eröffnet. Denn Honds Dienststelle hat sparsam geladen. Die Tanzfest-Crew, einige wenige bekannte Gesichter und Landsleute. Aber unter den verbeamteten Hauptstadt-Bohemiens und den holländischen Managern sieht der fast 65-jährige Lemaitre aus wie der Jüngste. Wie viele Premierenfeiern er schon erlebt hat, weiß er nicht. Es sei immer das selbe. Dann lächelt er wieder. Einmal, nach einem Gastspiel in Los Angeles, hat sich Playboy-Herausgeber Hugh Hefner eingeladen in seine Villa mit Park. Es war ein rauschendes Fest. Und irgendwann, lange nach Mitternacht, ist Lemaitre mit Kollegen nackt in den Pool gesprungen. Seine damalige Chefin hat danach tagelang nicht mehr mit ihm geredet. Das ist lange her. Vom ausschweifenden Berliner Nachtleben werden er und seine Kollegen vermutlich nicht viel mitbekommen. Kurz nach Mitternacht wartet der Bus zurück ins Hotel. Morgen wird wieder schwer gearbeitet.

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