STADTMENSCHEN : Jüdische Courage

von
Foto: doris spiekermann-klaas TSP

Deborah Prinz

blickt ohne Ressentiments auf den Anhalter Bahnhof. Sie ist fasziniert von der vielfältigen Architektur Berlins, wo Ruinen in der Nähe von Glaspalästen großer Unternehmen und kommunistischer Plattenbauten stehen. Sie hat Freunde hier, und bei diesem Besuch schließt sich ein Kreis für die Amerikanerin. Ihr Vater Joachim Prinz war in den 30er Jahren einer der jüngsten, beliebtesten und vor allem eloquentesten Rabbiner der Stadt. Einmal hat er einen Arzt beerdigt, den die Nazis zu Tode geschlagen hatten. Mit Blick auf den Sarg sagte er: „Darin wird kein Mensch beerdigt, sondern die deutsche Kultur.“ Danach wurde er verhaftet, schaffte es aber, wie die Tochter vermutet, vor allem dank seiner Eloquenz, immer wieder freizukommen. Bis ihn die Nazis 1937 aufforderten, das Land zu verlassen. Mithilfe des Rabbiners Stephen Wise übernahm er eine Gemeinde in New Jersey.

Dort blickten bald einige Gemeindemitglieder skeptisch auf sein frühes Wirken in der US-Bürgerrechtsbewegung. Beim großen Marsch auf Washington im August 1963 hielt er eine Ansprache, kurz bevor Martin Luther King seine „I have a Dream“-Rede hielt.

Er sagte den 200 000 Menschen, was seine wichtigste Erfahrung war als Rabbiner unter dem Hitlerregime in Berlin. Nicht Hass und Verlogenheit seien die drängendsten Probleme: „Das schändlichste, das am meisten beschämende und tragischste Problem ist das Schweigen.“ Er sei der erste prominente Jude gewesen, der sich der Bewegung angeschlossen hat, sagt Deborah Prinz heute. „Es ging ihnen darum, die amerikanische Demokratie zu retten.“ Dass Präsident Obama bei seinem Israelbesuch aus der Rede ihres Vaters zitierte, hat sie stolz gemacht. Aber noch glücklicher ist sie über die Tatsache, dass eine Dokumentation über ihren Vater „Joachim Prinz – I shall not be silent“ nun in Berlin Weltpremiere hat beim Jüdischen Filmfestival. „Das ist göttliche Gerechtigkeit“, ist sie überzeugt. Drei Mal war Joachim Prinz noch in Berlin zu Besuch, bevor er 1988 mit 86 Jahren starb. Aber er kam immer nur zu offiziellen Anlässen. Deborah Prinz besuchte die Stadt zum ersten Mal 1981 mit ihrer Mutter, die in der Nähe des Kurfürstendamms aufgewachsen war. „Für mich ist Berlin eine Mutterstadt“, sagt sie.

Der Vater war erst als junger Rabbi aus Schlesien in die Stadt gekommen, wirkte unter anderem in der Fasanenstraße und in der Oranienburger Straße. Er sei ein glühender Zionist gewesen und habe viele Menschen überzeugt, nach Israel auszuwandern, sagt sie. Er selber ging in die USA, weil er sich in der englischen Sprache eher zu Hause fühlte als im Hebräischen. Anders als andere jüdische Emigranten haben der Rabbi und seine Frau nie Ressentiments entwickelt, differenzierten zwischen den Nazis und der deutschen Kultur, die sie liebten, der Musik, der Kunst. Zusammen mit ihrem Mann Lawrence Neher wird Deborah Prinz auch bei dieser Berlinreise alte Freunde der Eltern besuchen. Elisabeth Binder

9. Mai, 19 Uhr im Kino Arsenal am Potsdamer Platz

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben