STADTMENSCHEN : Martenstein schimpft zurück

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Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

„Vorstellen muss ich dich nicht, du bist eh eine lebende Legende.“ So begrüßte Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt den Kolumnisten Harald Martenstein und erzählte gleich mal eine Anekdote: Er habe nämlich von einer Frau gehört, die sich auf einer Karnevalsfeier als Harald Martenstein verkleiden wollte.

Am Montagabend las der Kolumnist und Buchautor in der Tagesspiegel-Veranstaltungsreihe „Zeitung im Salon“ aus seiner neuesten Kolumnensammlung „Ansichten eines Hausschweins“.

Tabus kennt Martenstein nicht. Ob es um die Abstinenz von älteren Männern im Telefonsex-Business geht, um das Phänomen des vertuschten Orgasmus oder um die Gemeinsamkeiten zwischen dem Management der S-Bahn und den Russen im Zweiten Weltkrieg – vor Martensteins Kolumnen ist nichts und niemand sicher.

Als Kolumnist teilt man aber nicht nur aus: „Mit Kritik muss man umgehen können“, sagt Martenstein. Auch könne er damit leben, wenn mal ein Text von ihm abgelehnt würde, das passiere allerdings zum Glück nicht so oft. Von der Gratwanderung eines Kolumnentextes wusste auch Chefredakteur Maroldt zu berichten: „Abzuwägen, ob etwas noch unter Meinungsfreiheit des Schreibers fällt oder schon unter die Gürtellinie geht, ist manchmal schwierig. Das Problem ist, dass die Leser die Meinung des Kolumnisten oft mit der Meinung der Zeitung verwechseln.“ Insgesamt genießen Kolumnisten aber eine große Narrenfreiheit.

Und wie finde er seine Themen?, wollte ein Leser wissen. „Für meine Tagesspiegel-Kolumnen schreibe ich über das, was für mich Thema der Woche ist. Dieses Thema betrachte ich dann aber nicht aus einem politischen, sondern aus einem persönlichen, schrägen Blickwinkel.“ Überschneidungen mit den Kolumnen, die er für das „Zeit-Magazin“ schreibt, gibt es keine: „Das ist ganz einfach: Die Texte für die ’Zeit’ reiche ich zehn Tage vor dem Druck ein, sie müssen also zeitlos sein“, erklärte Martenstein. „Die Tagesspiegel-Kolumnen beschäftigen sich mit Tagesaktuellem.“

Wie lange es dauert, bis aus der Idee für eine Kolumne eine runde Sache geworden ist, lässt sich auch nach so vielen Jahren nicht vorhersagen. „Manchmal geht’s in einem Rutsch, und manchmal sitze ich stundenlang dran und bin trotzdem nicht zufrieden“, sagt Martenstein, der seit 1988 für den Tagesspiegel schreibt. Es komme schon mal vor, dass er einen Text abgebe, mit dem er nicht völlig zufrieden sei. „Dieser Job kann auch eine Qual sein. Aber kein Beruf macht immer Spaß.“

Dass es ihm die meiste Zeit Spaß macht, war ihm an diesem Abend aber anzumerken. Und Schreibblockaden hat er laut eigener Einschätzung glücklicherweise höchst selten: etwa einmal im Jahr. Und was inspiriert ihn? „Beschimpfende Leserbriefe haben eine äußerst inspirierende Wirkung auf mich.“ Jahrelang habe er den Fehler gemacht, beschwichtigend auf erboste Briefe zu antworten. Heute macht er es anders: „Es ist doch nur gerecht, den Lesern in demselben Ton zu antworten, in dem sie mir schreiben.“ Das Interessante: Wenn er ordentlich zurückschimpft, werden sie plötzlich „sanft wie die Linden“.

Was ihn noch inspiriert, wurde an diesem Abend ebenfalls deutlich: Die Anwesenheit der Kamerafrau schien ihn so zu irritieren, dass er – halb scherzhaft, halb drohend – rief: „Über Sie schreib ich ‘ne Kolumne!“

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