STADTMENSCHEN : Nummer 99 wird erstklassig

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Die Überraschung war perfekt pariert. Bei einer Soirée zu Ehren des Lyrikers, Verlegers und Schriftstellers Michael Krüger im Schloss Bellevue gab Bundespräsident Joachim Gauck bekannt, dass dieser auch noch das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse bekommen sollte. Der Geehrte betrat die Bühne und tat zunächst so, als wolle er sich, verschämt wie ein Kind, hinter dem breiten Rücken des Präsidenten verstecken. Krügers schauspielerische Bandbreite lobte später in einer Fünfminutenrede noch Literaturkritiker Denis Scheck, der ihn bei den Begrüßungsritualen der Buchmesse beim ersten Nasenkuss außerhalb Neuseelands ertappt haben wollte.

Es war ein heiterer Abend in diesen Räumen, in denen sonst Staatsbanketts nach festen Ritualen stattfinden. Gauck erzählte, dass seit Beginn der elektronischen Datenerfassung jeder Gast, der zum ersten Mal eingeladen wird, eine fortlaufende Ordnungsnummer bekomme. Inzwischen sei man im fünfstelligen Bereich angelangt, Krüger aber habe die Nummer 99, sei also schon sehr früh aufgefallen. Krüger, gerade 70 Jahre alt geworden, erinnerte sich an die Anfänge in Berlin, wo er aufwuchs und eine Buchhändlerlehre absolvierte, an erste Beiträge im Feuilleton des Tagesspiegels, das damals von Walter Karsch geleitet wurde. Wie viele junge Menschen zog es ihn nach München, weil dort die Perspektiven besser waren.

Kollegen wie Jürgen Becker lasen Gedichte des Geehrten vor. Man könne die Gesellschaft verändern, indem man vor jeder Sitzung ein Gedicht verlese. Das könne ja die anwesende Staatsministerin Monika Grütters nun mal in Angriff nehmen, regte Krüger an. Hubert Burda hielt eine Rede über die Freundschaft am Beispiel des Petrarca-Preises. Immer mal wieder ging es auch um die Korrelation zwischen geistiger Arbeit und geistigen Getränken. Nach dem kurzweiligen Programm stießen unter anderem Klaus Staeck, Volker Schlöndorff, Monika Maron und Otto Schily an. Elisabeth Binder

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