Berlin : Stadtmenschen: Vargas Llosa und die Macht der Ziegenböcke

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Sonntagabend, Unter den Linden. Prügel ist ihm angedroht worden, als er seinen neuen Roman "Das Fest des Ziegenbocks" in Santo Domingo vorstellte. Er musste Leibwächter mitnehmen. "Aber es ist nichts passiert", erzählt Mario Vargas Llosa schmunzelnd. Der weltberühmte spanisch-peruanische Autor sitzt entspannt in einem schwarzen Lederfauteuil im überglasten Innenhof der Kulturstiftung der Deutschen Bank. Kein Leibwächter in Sicht. In der Redenreihe "Grenzdenker" hat der 65-Jährige mit Sigrid Löfler über die "Verführung der Macht" gesprochen, auf englisch. Es war ausverkauft.

"Das Fest des Ziegenbocks" ist soeben im Suhrkamp-Verlag erschienen, ein Diktatoren-Roman, der die letzten Tage des Rafael Leónidas Trujillo schildert. Trujillo, wegen seiner sexuellen Gier "Ziegenbock" (spanisch: chivo) genannt - ein Titel, den er mit Stolz trug -, hat 1930 bis 1961 als sadistischer Despot die Dominikanische Republik in einen schillernden Operettenstaat verwandelt. Der Roman beschreibt, wie dessen autokratisches System mittels ständiger Verunsicherung funktionierte, und wie es die gesamte Gesellschaft bis ins Innerste korrumpierte.

Die Idee für den Roman hatte der Autor, als er 1995 den kleinen Inselstaat besuchte und noch nach fast vierzig Jahren die Legenden über den "Ziegenbock", der durch die Hand von Verschwörern umkam, hörte. "Ich war fasziniert und entsetzt", erzählt Vargas Llosa, der einmal gesagt hat, dass der Grundstoff für Literatur das menschliche Unglück sei, von dem sich die Schriftsteller "wie die Geier" ernährten.

"Alle Diktaturen sind ähnlich", sagt Mario Vargas Llosa, "aber bei Trujillo sind deren Elemente exemplarisch und ausgeprägt enthalten": Grausamkeit, Korruption, Militarismus und Show. "Das Regime hatte den Anstrich einer dunklen, verbrecherischen Farce, voll von unglaublichen Extravaganzen." Der Roman erzählt von der nahezu absoluten Kontrolle, die der Tyrann über alle Bereiche des Landes und über die Gattinnen seiner Minister hatte, aber auch von den Lächerlichkeiten, die eine solche vom Machismo geprägte Macht mit sich bringt - Trujillos Stern sank, als er begann, an Inkontinenz zu leiden.

Ob sich in Lateinamerika etwas geändert habe, ob die Gefahr von Militarismus und Diktatur heute geringer sei, will jemand aus dem Publikum wissen. "Das Problem ist nicht verschwunden", antwortet Vargas Llosa, der sich als Liberaler bezeichnet und manchen als rechts-konservativ gilt. "Doch wir haben jetzt sehr viel mehr zivile Regierungen als früher. Und mittlerweile herrscht ein großer demokratischer Konsens, so dass der Boden nicht mehr so brüchig ist." Der Erfolg sei aber nicht garantiert. Er selbst werde nicht noch einmal als Präsidentschaftskandidat in Peru kandidieren, sich jedoch als Intellektueller weiter in die Politik einmischen und dazu beitragen, dass "Bomben und Pistolen" in Lateinamerika von der politischen Bühne verschwinden.

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