Stadtmission : Mit dem Kältebus durch Berlin: Senatorin besuchte Obdachlose

18.12.2008 00:00 UhrVon Benjamin Lassiwe
von der aue Foto: David Heerde
Für die gute Sache. Justizsenatorin von der Aue wollte für die Arbeit der Stadtmission werben. Deshalb fuhr sie mit dem Kältebus durch die Stadt. - Foto: David Heerde

Justizsenatorin Gisela von der Aue fuhr mit dem Kältebus durch die Hauptstadt, um die Lebensverhältnisse der Wohnungslosen besser kennen zu lernen - und um Werbung für die Arbeit der Stadtmission zu machen.

Sauerkraut und Gemüseeintopf stehen vor Antonio auf dem Tisch. Der 39-Jährige ist seit 25 Jahren heroinabhängig. Am Dienstag ist er Gast in der Notübernachtung der Berliner Stadtmission am Hauptbahnhof. Neben ihm steht Gisela von der Aue. Die Justizsenatorin trägt einen burgunderroten Kunstpelz und eine breite Silberkette. Umlagert von Fotografen wirkt sie wie ein Fremdkörper in einer Welt, in der ehrenamtliche Helfer die Tasse Kaffee für 50 Cent und den Einwegrasierer für 25 Cent an alle die verkaufen, die in Berlin schon lange kein Dach über dem Kopf mehr haben.

Mit ihrem Besuch will die SPD-Politikerin Werbung für die Stadtmission machen – „damit die Menschen am Ende nicht da landen, wo ich Verantwortung trage“.

Für die Übernachtung von 60 Wohnungslosen erhält die Stadtmission einen Zuschuss vom Bezirksamt Mitte. Doch oft kommen über 100 in die Notübernachtung. Statt höhere Zuschüsse zu fordern, setzt das sozial-missionarische Werk der Evangelischen Kirche auf Ehrenamtliche – zum Kochen in der Notübernachtung, für Gespräche mit den Wohnungslosen und die Arbeit, über die Feiertage offen zu halten. „Wir können nicht immer alles an bezahlte Helfer weggeben“, sagt Walter-Jürgen Ziemer von der Stadtmission. Seine Einrichtung habe auch einen „Informations- und Bildungsauftrag“ für die Gesellschaft: „Wir wollen zeigen, wie Menschen jenseits der Weihnachtsillumination in unserem Land leben.“ So wie Julian Müller, ein 16-jähriger Kreuzberger. Die Eltern sind tot, der Vater war Alkoholiker, die Mutter heroinabhängig.

Seit Julian sieben ist, lebt er auf der Straße, schnorrt Geld, schlägt sich durch. „Aus den Heimen bin ich immer wieder abgehauen“, sagt Julian. Heute sammelt er Flaschen, um sich Bier zu kaufen. Zukunftsperspektiven hat er nicht. „Ich lass es einfach so auf mich zukommen.“ Und während die Senatorin mit dem Kältebus in die Nacht entschwindet, um die Lebensverhältnisse von Berliner Wohnungslosen etwas besser kennenzulernen, geht Julian in Richtung U-Bahn. Denn da ist es warm. Benjamin Lassiwe

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