Berlin : Stadtpark von Luckau: Sommerkonzert zum Selberbasteln

Elisabeth Binder

Mit dem Abendliedersingen ist das so eine Sache. Die eher Belesenen stellen sich unter Umständen etwas zutiefst Romantisches darunter vor, so eine Art Feier des Mondes in wildromantischer Natur. Die anderen, im Hier und Jetzt Verwurzelten, wissen natürlich, was im Fernsehen abgeht, haben schon mal einen Blick in eine Volksmusiksendung geworfen und drehen sich mit Grausen ab. Das jüngste Experiment der Brandenburgischen Sommerkonzerte, diesmal praktiziert im weitläufigen Stadtpark von Luckau, hatte weder mit dem einen noch mit dem anderen etwas zu tun. Eher schon mit Schule, aber das lag am sehr ehrgeizigen Leiter des unterstützenden Chores Cantemus, der seinerseits ein bisschen wie ein Lehrer von früher wirkte. Dieser Eindruck entstand nicht zuletzt deshalb, weil er gleich am Anfang mit über 100 Leuten, die sich nach dem Konzert in St. Nikolai am See versammelt hatten, einen Kanon einüben wollte, statt zunächst froh und dankbar zu sein, wenn überhaupt jemand die Stimme erhob. Die chinesischen Studenten, die sich den Termin aus dem Internet heraus notiert hatten, guckten jedenfalls eher verwirrt.

Die Brandenburgischen Sommerkonzerte sind ja immer eine vielschichtige Angelegenheit. Zum einen Vernetzung von Stadt und Land, auch von Sponsoren aus der Stadt und örtlichen Honoratioren, was beträchtliche Synergieeffekte nach sich ziehen kann. Zum anderen finden weniger mobile Städter eine komfortable Gelegenheit, die Mark Brandenburg für sich musikalisch zu erkunden. Und auf diesen zweiten Schwerpunkt hatte man sich bei der jüngsten Landpartie nach Luckau vor allem besonnen. Dies verbunden mit dem bekannten Motto, auf das der Chef der Sommerkonzerte, Werner Martin, per Video bereits im Bus einstimmte: "Gemeinsam Kultur machen." In dieser Reihenfolge: "Gemeinsam - machen - Kultur."

Im elften Jahr merkt man sehr deutlich, was die Landpartien alles bewegt haben. Stammkunden, die vor Jahren schon mal mit nach Luckau gefahren waren, beschreiben nach der Stadtführung ihre Überraschung darüber, wie malerisch schön viele Häuser mit ihrem üppigen Blumenschmuck inzwischen aussehen. Andere springen gleich auf die bereit stehenden Kremser; denn die Fahrten damit gehören zu den sorgfältig gepflegten Hobbys bei den Landpartien und haben enthusiastische Fans. Die ländlichen Kaffeetafeln mit selbstgebackenem Kuchen ("aus unserer Konditorei", wie einer der Helfer nicht ganz im Sinne der Erfinder, aber mit sympathischem Lokalpatriotismus verrät), haben Konkurrenz bekommen; angesichts erster Regentropfen bevorzugen nicht wasserfeste Ausflügler eher die Spezialitäten des nahe gelegenen Café Graf. Im elften Jahr kann man sich ein wenig Selbstständigkeit gut leisten.

Vor der selbst gebastelten Musik steht erst einmal das Konzert des Kammerorchesters Carl Pilipp Emanuel Bach unter der Leitung von Hartmut Haenchen. Aufgeführt werden die Sinfonie B-Dur Wq 182/2 des Namensgebers, die dieser 1773 geschrieben hatte und die, obwohl als musikalisches Dokument des Sturm und Drang eigentlich eher exzentrisch intendiert, bei diesem Konzert auch einen leicht getragenen Anstrich erhielt. Das Brandenburgische Konzert Nr. 3 passte zum Landschaftserlebnis und Mozarts "Kleine Nachtmusik" gab die Fanfare für den Übergang zum zweiten Konzert im Stadtpark. Manche Landausflügler, die sich das Singen aus womöglich guten Gründen selber lieber verbieten, hörten sich die Aufführung von jenseits des Teiches an, wo die Szenerie, von Blumensträuchern umrahmt und Grillwurstduft geerdet, recht idyllisch wirkte. Und am Ende gelang es dem Mond doch noch, trotz oder gar wegen der strengen Anweisungen des Herrn Chorleiters, ganz brummharmonisch aufzugehen.

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