Stadtplanung : Die Irrtümer der frühen Jahre

Wie funktionierte Stadtplanung nach dem Mauerfall, der „Stunde null“? In der Urania diskutierten am Mittwochabend die Ex-Senatoren Volker Hassemer und Wolfgang Nagel über die Bausünden der Neunziger und die Herausforderungen der Gegenwart.

von
Das war Spitze. Als der Masterplan für den Alexanderplatz mitsamt der Hochhäuser entstand, nahmen die Planer an, dass Berlin über alle Grenzen hinaus wachsen würde.
Das war Spitze. Als der Masterplan für den Alexanderplatz mitsamt der Hochhäuser entstand, nahmen die Planer an, dass Berlin über...Foto: picture-alliance / ZB

Berlin habe sich noch nicht gefunden, sagt Volker Hassemer, und das ist eigentlich schon das Maximum an aktueller Stadtentwicklungskritik, die sich der ehemalige CDU-Stadtentwicklungssenator (1981 bis 1983 und 1991 bis 1996) gestattet. Ansonsten verweist er auf sein neues Buch: Wozu Berlin? – Eine Streitschrift. Zum Abrechnen mit seinen Nachfolgern hat auch der ehemalige SPD-Bausenator Wolfgang Nagel (1989 bis 1996) keine Lust. Am Mittwochabend waren die Ex-Politiker in der Urania angetreten, um über die Stadtkonzepte und -visionen der 90er Jahre zu diskutieren. Eingeladen hatten die Architektenkammer Berlin und der Tagesspiegel.

Tagesspiegel-Herausgeber Hermann Rudolph führt das Publikum zunächst an die „Stunde null“ zurück, den Mauerfall 1989 als Epochenwende der Stadtplanung. Hassemer und Nagel geben bereitwillig Gedächtnishilfen, die heute abstrus klingen: Eine Bundesgartenschau auf dem Potsdamer Platz – solche Planungen wurden ernsthaft diskutiert. Das Bonner Regierungsraumschiff sollte mal auf dem Flughafen Tempelhof landen und isoliert vom Stadtkörper als Beamtenghetto fortbestehen, erzählt Hassemer. Viele Architekten, begeistert vom neuen Stadtspielraum, ließen eine Manhattan- Skyline am Todesstreifen emporwachsen.

Die Potsdamer-Platz- Investoren Daimler- Benz und Sony hatten schon fertige Pläne im Gepäck. Sie wollten „den Tiger reiten“, sagt Hassemer, während der Senat einen bedachtsamen Berliner Traditionsbären ins Feld führte. Letztlich hätten sich Politik und Stadtplaner mit ihrem Primat, Wettbewerbe durchzuführen und deren Ergebnisse öffentlich zu diskutieren, gegen die Konzepte der Investoren durchgesetzt. „Das sollte auch heute wieder eingefordert werden“, findet Hassemer.

Wolfgang Nagel erinnert sich am deutlichsten an Irmgard Adam-Schwaetzer (FDP). Die habe als Bundesbauministerin die Berliner Mitte mit einer „Abrisswalze“ vom Makel der Geschichte befreien wollen. Die Bonner hätten erst mal lernen müssen, mit den Berlinern auf Augenhöhe zu diskutieren. In der Debatte um die Bundesbauten behielt die Berliner Politik letztlich Oberwasser, sekundiert Hassemer. 1996, als beide Politiker den Senat verließen, seien die maßgeblichen Fragen zur Stadtentwicklung schon geklärt gewesen, darin sind sich Hassemer und Nagel einig. Das Planwerk Innenstadt, vom damaligen Senatsbaudirektor Stimmann vorangetrieben, disqualifiziert Hassemer mit leicht arrogantem Gestus als „interessante Bastelarbeit“.

Die Irrtümer der frühen 90er Jahre – Bevölkerungsexplosion und Rückkehr großer Unternehmen – gibt Hassemer zu. Man habe regelrecht Angst gehabt vor dem erwarteten Zustrom von Menschen und dem Defizit an Büroflächen. Da sei gegen den tatsächlichen Bedarf geplant worden – etwa in den Entwicklungsgebieten Rummelsburger Bucht und Wasserstadt Spandau. Dass sich Berlin stattdessen mit großer Dynamik zu einem Zentrum von Kreativindustrie und Wissenschaft entwickeln würde, habe man damals nicht geahnt. Darauf müsse die Stadt heute planerisch reagieren.

Nagel erinnert an die Sanierung der Plattenbauviertel, eine Leistung, die in der Öffentlichkeit kaum gewürdigt worden sei. „Dafür haben wir 12 Milliarden Mark mobilisiert.“

Autor

3 Kommentare

Neuester Kommentar