Stadtplanung : Die perfekte grüne Welle auf Berlins Straßen

Der Stadtverkehr als steter Fluss: Autofahren könnte so schön sein – wenn nur die roten Ampeln nicht wären. Schikane? Nein, eine Wissenschaft! Die Chefin der Berliner Ampelmänner hat sie uns erklärt.

von
Die grüne Welle ist der Traum eines jeden Autofahrers.
Die grüne Welle ist der Traum eines jeden Autofahrers.Foto: ddp

Es ist zum Verzweifeln: Man fährt streng nach Vorschrift eine beliebige Hauptstraße entlang, will spritsparend und stressfrei durch Berlin kommen. Doch immer scheitert man an irgendwelchen Ampeln, die zum Anhalten zwingen oder gar verlocken, noch bei Dunkelgelb durchzurauschen. Ja, das ist lebensgefährlich. Aber ist es denn so schwer, eine grüne Welle zu programmieren?! Denkt man. Und hegt vielleicht den Verdacht, dass den Leuten das Autofahren verleidet werden soll. Höchste Zeit, dieser Frage nachzugehen.

Die Antwort gibt es in einem Bürotrakt des Tempelhofer Flughafengebäudes, bei der Verkehrslenkung des Senats. Hier arbeitet Claudia Schiewe als Leiterin des Referates Verkehrszeichen und Lichtsignalanlagen. Sie hätte ebenfalls Grund zu verzweifeln. Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit muss sie erleben, wie ihr Tagwerk am wahren Leben scheitert. An der Unzulänglichkeit des Auto fahrenden Menschen, der mal zu schnell fährt und mal trödelt. Der auf Busspuren parkt, sich auf zugestaute Kreuzungen drängelt oder einfach nur zu zahlreich zur selben Zeit in dieselbe Richtung will. Und dann mit allen anderen im Chor klagt, dass alle Verkehrsprobleme auf einen Schlag lösbar wären, wenn man nur wollte: mit einer grünen Welle. So weit die Theorie.

Die Praxis beschäftigt die Berliner Verkehrsplaner mindestens seit den 60er Jahren und füllt Hunderte Aktenordner. „Viele glauben, dass wir aus der Ferne kurzfristig die Grünzeiten an den Ampeln verteilen und anpassen können“, sagt Claudia Schwiewe. Dabei ist die Schaltung der rund 2100 Berliner Ampeln derart aufwendig, dass der Senat die Planung der Ampelsteuerung seit den 90ern an externe Büros vergibt. Schiewe und ihre sechs Verkehrsingenieure prüfen dann deren Modelle – auf dem Papier und auf der Straße. Fast jede Ampelschaltung ist ein mühsam austarierter Kompromiss. Denn was hilft eine perfekt geplante grüne Welle, wenn der Stau von der nächsten großen Kreuzung im Berufsverkehr jede Verkehrsregelung hinfällig macht?

In Hamburg trafen sich auf Einladung des Straßenbetriebes kürzlich genervte Bürger und Verkehrsingenieure. Die Laien hatten nicht geahnt, welch eine Wissenschaft grüne Wellen sind. Und die Fachleute wussten nicht, dass die Laien das nicht wussten. Am Ende waren alle erschöpft – aber voller Verständnis füreinander. Auf diesen beiden Seiten kann nun jeder zum Experten werden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die perfekte Grünwelle aussieht - in der Theorie.

Seite 1 von 4 Artikel auf einer Seite lesen
» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

38 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben