Stadtplanung : Ein Schloss kommt selten allein

Die Gestaltung der Stadt zwischen Werderschem Markt und Marx-Engels-Forum wird zum zentralen Thema der Berliner Politik. - Denn auch die Umgebung des neuen Schlosses will durchdacht sein.

Bernhard Schulz
Berliner Schloss
Mittendrin. Luftbild von 1920 mit Berliner Schloss und Lustgarten. -Foto: Ullstein-Bild

Es geht um die Umgebung des Schlosses. Oder des Humboldt-Forums; wie man will. Gerade beginnt die zweite Stufe des anonymen Wettbewerbs. Dreißig Büros sind am vergangenen Freitag zur Erarbeitung detaillierter Planungen für das Humboldt-Forum im Gewand der Schlüterschen Barockfassaden ausgewählt worden. Ende November fällt die Entscheidung über das alte, neue Schloss.

Und dessen Umgebung? Erst allmählich dringt ins öffentliche Bewusstsein, dass das gewaltige Bauwerk keinen Solitär auf der Spreeinsel bilden kann. Die vielzitierte Sichtbeziehung als Abschluss der Straße Unter den Linden hat bereits vor 15 Jahren die Attrappe aus gelb bemalten Plastikplanen deutlich gemacht.

Eine Fülle von Aufgaben kommt nunmehr auf die Stadtplanung zu, auf die sie sich – ungeachtet etwa des seit 1999 gültigen „Planwerks Innenstadt“ – wenig vorbereitet zeigt. Und gleichwohl Einzelentscheidungen trifft und ausführt, die im Zusammenhang zu bewerten wären. Angefangen mit der Rathausbrücke: Sie soll nach einem, nun auch schon Jahre alten Entwurf als formstrenger Strich über die Spree gezogen werden. Dass hier einmal mit der „Langen Brücke“ die wichtigste Straßenverbindung des barocken Berlin verlief, gekrönt von Schlüters Reiterstandbild des Großen Kurfürsten über dem mittleren Brückenabschnitt, ist in Vergessenheit geraten.

Die gesamte Straßenverbindung vom Werderschen Markt bis zum Berliner Rathaus wird also zu bedenken sein. Und mit ihr die Straßen, die auf diese Ost-West-Magistrale zulaufen. Die von Süden herkommende Breite Straße, auch sie historisches „Urgestein“, wird derzeit auf ihr ursprüngliches Profil verschlankt. Von Norden aber verlief der Verkehr von den Linden her zwischen der Westfassade des Schlosses und dem „Nationaldenkmal Kaiser Wilhelm“. Die Häuser auf der einstigen „Schlossfreiheit“ – deren Grundstücke einst vom Großen Kurfürsten französischen Hugenotten unentgeltlich zugeteilt worden waren – fielen 1893 dem Abriss zum Opfer, als eben dieses gewaltige Denkmal von Kaiser Wilhelm II. zu Ehren seines Großvaters ersonnen wurde. Die DDR-Zeit überdauert hat allein der riesige Sockel mit seinen gewaltigen, gemauerten Gewölben. Ein Unort – der nun aber ausersehen ist, als Standort des künftigen Einheits- und Freiheitsdenkmales zu dienen, das der Deutsche Bundestag am 8. November 2007 beschlossen hat. Die Gestaltung dieses „Mahnmals unseres historischen Glücks“, wie es Wolfgang Thierse (SPD) im Parlament bezeichnete, wird in einem eigenen Wettbewerb zu bestimmen sein. Doch wie immer sie ausfallen wird – das Denkmal wird seiner protokollarischen Bedeutung und Aufgaben entsprechend die Gestaltung der Straße zwischen ihm und dem Schloss erheblich beeinflussen.

Für den Osten keine Vorgaben aus dem Bundestag

Und wie geht’s östlich der Spree weiter? Darüber ist bislang am wenigsten gesprochen worden. Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann hat unlängst im Tagesspiegel für eine weitgehende Rekonstruktion des historischen Stadtgrundrisses plädiert. Wer heute über das Gelände des 1986 so benannten Marx-Engels-Forums streift, sieht nichts weiter als eine wenig ansprechend gestaltete – im Planerjargon: „unterqualifizierte“ – Grünfläche, in der sich das eher melancholische denn erhebende Marx-Engels-Denkmal wie ein Relikt des einstigen Staatsverständnisses ausmacht. Dass hier einmal eine pulsierende, gewiss auch übervölkerte und von hygienischen Problemen geplagte Altstadt war, ist beim besten Willen nicht mehr zu erahnen.

Nun hat der Schloss-Beschluss des Bundestages gerade für die Ostseite des Gebäudes keinerlei Vorgaben hinsichtlich der historischen Überlieferung gemacht. Die aus Mittelalter, Renaissance und Barock zusammengewürfelte, im wahrsten Sinne des Wortes gewachsene Spreefront des Schlosses ist im jetzigen Wettbewerb für jedwede Gestaltungsidee freigegeben. Wie aber soll sich das östliche Spreeufer künftig zum Humboldt-Forum-Schloss verhalten?

Soll die Grünfläche verschwinden und überbaut werden? So weit ist die Diskussion noch längst nicht. Schon ist aber der Vorschlag einer „Gestaltungssatzung“ zu hören. In durchaus geteilter Erinnerung ist die Gestaltungssatzung für den Pariser Platz, die auch nicht mehr an Einheitlichkeit durchzusetzen vermochte, als es anderenorts – wie in der Friedrichstraße – vermittels der üblichen Vorgaben der Berliner Bauordnung gelang. Gestaltungssatzungen mit ihren über eine Bauordnung weit hinausgehenden Vorgaben sind zulässig, wenn sie – so die geltende Rechtsprechung – „auf sachgerechten Erwägungen beruhen“. Dass die Sicherung des Stadtbildes in der Umgebung des in barocken Formen wiederzuerrichtenden Schlosses eine solche „sachgerechte Erwägung“ darstellt, steht außer Zweifel.

Ob allerdings der Neubau der Rathausbrücke, deren Bezug zum Schloss über das Standbild des kurfürstlichen Bauherren geradezu programmatisch angelegt war, noch einmal überdacht wird? Als das Thema jüngst im Abgeordnetenhaus anstand, hüllte sich nicht nur Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, als Schweizerin mit der Berliner Baugeschichte wohl noch nicht ganz so vertraut, in beredtes Schweigen. Es scheint, dass die Berliner Politik insgesamt noch nicht begriffen hat, dass über den Wiederaufbau des Schlosses hinaus die Gestaltung, ja Wiedergewinnung der Keimzelle Berlins auf der Tagesordnung steht.

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