• Stadtschloss: Echt preußisch, auf den Zentimeter genau - jetzt liegt ein superexakter Rekonstruktionsplan vor

Berlin : Stadtschloss: Echt preußisch, auf den Zentimeter genau - jetzt liegt ein superexakter Rekonstruktionsplan vor

Lothar Heinke

Unser theoretischer Schloss-Baumeister Wilhelm von Boddien ist perplex. "Die Schloss-Gegner kritisieren immer wieder, dass wir keine genauen Pläne hätten und reden von einem Disneyland in der Mitte Berlins. Nun führen wir den Nachweis, dass das Schloss zentimetergenau rekonstruierbar ist - und mit einem Mal klagen die gleichen Kritiker darüber, dass wir zu genau sein wollen. Das verschlägt mir die Sprache..."

Wir sitzen mit 150 Menschen, die, wie das Rhabarber-Rhabarber bei Rede und Gegenrede vermuten lässt, in ihrer Mehrzahl für den Wiederaufbau votieren würden, im Max-Liebermann-Haus beim "Torgespräch". Um der Schloss-Debatte eine neue Dimension hinzuzufügen, hat die Stiftung Brandenburger Tor die Frage "Wie machen es Warschau und Wien?" auf die Einladung gedruckt; auf dem Podium sitzen mit Marta Meclewska die Kuratorin des Warschauer Schlosses und Walter Straub, der Direktor des Kongresszentrums in der Wiener Hofburg. Beide befürworten natürlich alle hiesigen Schlossfantasien. Das Warschauer Königsschloss, von 1949 bis 1971 aus Trümmern wiedererbaut, wird noch immer erweitert, an der unzerstörten Hofburg mit 2 600 Räumen wurde sechs Jahrhunderte lang gebaut, beide Gebäude sind heuer Zentren vielfacher Nutzung und spielen als "Multiplexe der Vergangenheit", wie Kultursenator Stölzl das nennt, eine wichtige Rolle im kulturellen und gesellschaftlichen Leben.

Über den Inhalt gibt es manche Vorstellung, Interessenten stehen Gewehr bei Fuß. Die Chefin der Zentral- und Landesbibliothek ("wir sind die meistbesuchte Kultureinrichtung der Stadt") verteilt schon mal vorsorglich bunte Broschüren mit dem Titel "Die ZLB auf dem Schlossplatz". Aber das Äußere! Wie soll es denn nun werden? Während, wie ein Mann in der von Lea Rosh souverän geführten Debatte schätzt, 95 Prozent der Architekten ein modernes Gebäude favorisieren, beweist Wilhelm von Boddien an diesem Abend mit allerlei an die Wand geworfenen Zeichnungen die Möglichkeit einer originalgetreuen Rekonstruktion. Zusammen mit Prof. Albertz vom Institut für Geodäsie der TU und den beiden in der Denkmalpflege versierten Architekten Rupert und York Stuhlemmer wurde am Beispiel zweier Fensterachsen nachgewiesen, dass eine zentimetergenaue originalgetreue Rekonstruktion der Fassaden möglich ist. Die Methode: Aus historischen Messbildfotos, Detailplänen, Überresten von Fassaden und einer jüngst im Keller des Bauamtes von Mitte gefundenen Vermessungsakte von 1879 wurden in einem komplizierten Verfahren mit Hilfe der Computertechnik alle ermittelten Messwerte so in Übereinstimmung gebracht, dass eine Art Architekturzeichnung (1:20) der beiden Fensterachsen "in höchster Maßgenauigkeit, dem Original entsprechend", hergestellt werden konnte. "Diese exemplarische Arbeit belegt, dass auch alle anderen Fassadenabschnitte gleichermaßen rekonstruierbar sind", sagt Boddien. Das Publikum ist um eine Hoffnung reicher, nur eine Architektin vergleicht die Idee für das 1,5-Milliarden-Projekt mit einem ausgestopften Großvater, den man im Wohnzimmer aufs Sofa setzt. Und die einzige Gegenstimme vom Podium ist die, die Boddien so erstaunt: "Mich erschreckt die steigende Fähigkeit der Selbsttäuschung, die Machbarkeit des Machbaren".

Christoph Stölzl vertraut "auf die List der Geschichte": Diejenigen, die auf dem Reichstag keine Kuppel haben wollten, erleben nun, dass dort ein neues Wahrzeichen entstand. "Irgend so ein Kompromiss wird wohl auch auf dem Schloßplatz herauskommen." Der Senator erhofft sich alsbald "eine offizielle Antwort der Bundesrepublik für die große Aufgabe" und prophezeit einen ähnlichen Weg wie beim Holocaust-Mahnmal: Am Anfang war eine private Initiative, dann wurde das Sache des Landes und schließlich des Bundestags. Außerdem gebe es eines Tages das Bedürfnis nach neuen großen öffentlichen Bauaufträgen. Der denkbar größte wird dann ein Bau "aus dem Geist des 21. Jahrhunderts mit sehr viel Erinnerung an die große, würdige Vergangenheit."

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