Berlin : Stadtschloss: Ein Schloss mit drei Wänden

Christian van Lessen

In Berlins Mitte soll wieder ein Schloss gebaut werden. Das zumindest empfiehlt die internationale Expertenkommission Historische Mitte. Das Schloss soll zwar nicht originalgetreu sein, aber ein Bauwerk, das mit Barock-Fassaden und neuem Schlüter- und Eosanderhof stark an den einstigen Hohenzollernpalast erinnern soll. Kommissionschef Hannes Swoboda hält das Projekt innerhalb von zehn Jahren für mach- und finanzierbar. Die Politik werde in "Begründungsnotstand" kommen, wenn sie die Empfehlungen ablehne, sagte er. Kommissionsmitglied Peter Conradi, Präsident der Bundesarchitektenkammer, sprach von einer "rückwärtsgerichteten, ängstlichen Entscheidung". Er forderte einen Wettbewerb, der Gestaltungsmöglichkeiten offen läßt. Dass die meisten Kommissionsmitglieder für einen Schlossbau plädieren würden, hatte sich bereits vorher abgezeichnet; das Votum für die Wiederherstellung der barocken Fassaden an drei Seiten überraschte, auch wenn es nur mit knapper Mehrheit zustande kam. Im Inneren soll ein Humboldt-Forum entstehen, mit den außereuropäischen Sammlungen der Dahlemer Museen, den Wissenschaftssammlungen der Humboldt-Universität, der Zentral- und Landesbibliothek und einer "Agora" für öffentliche Veranstaltungen - mit Gastronomie, Galerie und auch Buchhandel. Rund 80 000 Quadratmeter Nutzfläche soll das Projekt umfassen.

Hinter den Barockfassaden empfiehlt die Kommission die alten Geschosshöhen, ansonsten plädiert sie für moderne Architektur hinter historischer Kulisse. Vom Palast der Republik sollte der Volkskammersaal erhalten bleiben. Durchgängige Gärten und Plätze für die Bürger erwartet Swoboda auf dem Schlossplatz. Bis 2004 könne ein umsetzbares Projekt entwickelt werden, sagte Swoboda. Ohne eine starke finanzielle Beteiligung des Bundes und des Lands Berlin gehe es nicht. Die Kosten schätzen die Experten auf mindestens 1,5 Milliarden Mark.

Die rot-roten Berliner Koalitionäre hatten bereits angekündigt, für den Schlossplatz kein Geld übrig zu haben. Auch am Donnerstag, als der Vorsitzende der Expertenkommission die wohl wichtigste Empfehlung nach neunmonatiger Arbeit vorlegte, ließ sich kein Senator, geschweige denn ein Bundesminister, blicken. Dabei waren die Plätze für Staatsminister Julian Nida-Rümelin und Stadtentwicklungssenator Peter Strieder reserviert.

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