Stadtspaziergang : Nächster Halt: Biergarten

Nicht zu fassen, was man alles im Zug verpasst. Vergesst die S-Bahn – zu Fuß kann man entlang der Trasse zwischen Zoo und Alexanderplatz viel Überraschendes entdecken.

Elisabeth Binder
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Laufen statt fahren. Wie kommt man in S-Bahn-armen Zeiten bloß vom Zoo zum Alex? Zum Beispiel zu Fuß. Auf dem Weg kann man Berlins...

Man braucht ein paar bequeme Laufschuhe und Zeit. Dann kann man die S-Bahn zwischen Zoo und Alexanderplatz getrost vergessen. Eigentlich ist es nämlich viel schöner, die Strecke zu laufen, als mit der S-Bahn drüberzubrettern. Da ringsum viel italienisch und englisch und russisch gesprochen wird, fühlt man sich plötzlich wie ein Tourist in der eigenen Stadt. Vom Zoo zum Alex geht man überwiegend durch schöne, grüne Parks. Und wenn man Muße hat, kann man sich auch gut von Kneipe zu Kneipe hangeln; an der Strecke befinden sich einige der nettesten Draußen-Lokale der Stadt.

Beginnen wir am Zoo. Vorbei am Radverleih „Fat Tire“ geht’s Richtung Tiergarten. Auf dem Weg zur Schleuse machen wir einen Schnupperbesuch im Zoo. Nicht nur wegen des Geruchs; durch die Gitterstäbe kann man auch einen guten Blick auf Höckertiere werfen. Der Schleusenkrug links mit seinem riesigen Biergarten ist leider noch zu nah am Ausgangspunkt, würde sich ansonsten für eine Rast bestens eignen.

Tapfer marschieren wir vor zur Schleusenbrücke. Einen Moment schauen wir zu, wie ein Dampfer und einige kleinere Schiffe runtergehievt werden. Unten gabelt sich der Weg. Vergnügungssüchtige drehen eine Runde durch den neuen Hooters Biergarten, wo ziemlich hübsche Mädchen in ziemlich heißen Outfits die coole Florida-Variante von Fastfood umhertragen. „Jenny, Jenny, dreams are ten a penny“, schallt es aus den Lautsprechern. Kulturmenschen schlendern durchs Gaslaternen-Museum, das die Schleusenbrücke mit der Straße des 17. Juni verbindet. Auf der anderen Straßenseite müsste man eigentlich schon wieder Rast machen. Im Berlin Pavillon steckt zwar nur Burger King drin, aber das Gefühl der 50er Jahre kriegt man nirgendwo so gut wie in dem luftig eingerichteten Restaurant am Rande des historischen Hansa-Viertels. Die Klopstockstraße und Bartningallee entlang, von vielen Bäumen gesäumt, an der alten Akademie der Künste vorbei. Gleich hinterm S-Bahnhof Bellevue biegt man rechts ein, geht runter zur Spree, dann über die Brücke auf die andere Seite. Dort wieder rechts das Helgoländer Ufer lang, hinein in den Park. Auf der Wiese am Rande der Spree direkt gegenüber vom Schloss Bellevue sonnen sich Laptopträger und Zeitungsleser. Links des Wegs spielen Familien und Freundeskreise Federball und Frisbee. Auch Tischtennisplatten stehen bereit. Und ein paar Jungs üben Basketball an den Körben.

An der Luther-Brücke überqueren wir die Paulstraße, schnuppern ein bisschen türkisch-deutschen Grillduft, der von der Wiese vis à vis des Schlosses Bellevue herüberweht und laufen weiter geradeaus am Magnus-Hirschfeld-Ufer, zur Linken die Bundestagsschlange und schöne Bänke zum Ausruhen, zur Rechten die Spree und den Tiergarten. Abends ist der Weg besonders schön. Da sitzen auf den Bänken Pärchen und prosten sich mit blinkenden Rotweingläsern zu. Schräg rechts taucht das Haus der Kulturen der Welt auf, links will der schöne Biergarten vom Restaurant Zollpackhof schon wieder zu einer Pause verführen. Kaum haben wir uns die verkniffen, tauchen auf der rechten Spreeseite, nicht weit hinterm Bundeskanzleramt, die Liegestühle der Strandbar gegenüber vom Hauptbahnhof auf, dort müssen wir eh über die schmale Fußgängerbrücke ans andere Ufer wechseln. Auch ohne Bar gibt es schöne Nischen zum Verweilen, sogar überdachte. Hat man das schnelle Geratter der S-Bahn-Räder erst mal abgeschüttelt, wirkt die Langsamkeit fast suchterzeugend. Am liebsten möchte man eine Pause an die nächste reihen.

Jetzt geht es durch die aus der Fußgängerperspektive immer noch etwas futuristisch wirkende Perspektive des Regierungsviertels. Die schönsten Facetten des neuen Berlin kriegt man aus den S-Bahn-Fenstern einfach nicht zu sehen. Auf den flachen Stufen, die zum Reichstag hochführen, haben sich jede Menge Touristen niedergelassen. Beim Spaziergang wirkt Berlin wie ein Open-Air-Wohnzimmer. Die Spree wälzt sich glänzend zwischen den Gebäuden her und sieht erfrischend sommerlich aus.

Dann taucht hinter der nächsten Brücke rechts das ARD-Hauptstadtstudio auf. Wir gehen wieder links der Spree auf dem Schiffbauerdamm. Leider wieder ein paar kulinarische Verführungen voraus. Das Essen in der StäV ist nämlich besser, als die Touristenmassen vermuten lassen. Vom Kölsch nicht zu reden. Jetzt reiht sich Kneipe an Kneipe, am Berliner Ensemble das legendäre Ganymed und gleich hinter der Brücke der Grill Royal, der Prominente und Künstler anzieht.

Jetzt wird der Weg fast altmodisch: Laubengänge, Treppen wie aus einer anderen Zeit. Und plötzlich weht Musik herbei. Auf der Open-Air-Tanzfläche gegenüber dem Bode-Museum walzen Pärchen in Jeans und Leggings zu den Klängen von „Moon River“ unter den Sternen. Ringsum sitzen die Menschen in Liegestühlen, trinken Bier und essen Pizza. So schön ist es auch im Urlaub eher selten.

Kurz dahinter, an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zaubert ein junger Mann Riesenseifenblasen. Vorbei am DDR-Museum zum Marx-Engels-Denkmal, dort rasch noch eine Familie mit demselben fotografiert.

Dann sind wir schon da: Berlin Alexanderplatz, nur 90 wunderbare Fußminuten vom Zoologischen Garten entfernt. Nicht zu fassen, was man im Zug alles verpasst. Danke S-Bahn! Elisabeth Binder

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