Berlin : Stadttechnik: Die unsichtbare Intelligenz

Robert Kaltenbrunner

Der Schriftsteller Max Frisch, seines Zeichens ausgebildeter Architekt, hatte sich schon Ende der 60er Jahre heftig darüber aufgeregt: "Wir haben Städte, die katastrophal sind, das Werk hervorragender Fachleute, die immer neue und imposante Schutzmaßnahmen finden gegen eine Entwicklung, die als Schicksal erscheint, Städtebau als Bewältigung von Miseren, die andere Miseren erzeugt; wir haben nicht die Städte, die wir brauchen." Nicht gottgegeben seien die Probleme unserer Städte, so sein Befund; vielmehr beruhen sie auf Denkfehlern.

Als verantwortliche Experten für derlei gelten Architekten und Stadtplaner. Was jedoch höchstens die halbe Wahrheit ist. Auch der "civil engineer", der Stadttechniker, spielt eine entscheidende Rolle. Kaum einem anderen Fachmann wird eine so große Kompetenz zugebilligt, dass seine Arbeit praktisch jeder öffentlichen Anteilnahme und Diskussion entzogen ist. Einerseits. Andererseits wird er gerade deswegen auch misstrauisch beäugt - weiß man doch nie so recht, was da gerade wieder in der Erde verbuddelt wird, und warum. Deswegen ist es schon einmal ein Verdienst, den weithin unterschätzten Bereich der Stadttechnik ins Licht einer Publikation zu stellen.

Anhand der Medien Wasser, Abwasser, Strom und Gas veranschaulicht der Hochschullehrer Heinrich Tapasse Voraussetzungen, Abläufe, Maßnahmen und - im Wortsinne - "Untergründiges" der Berliner Stadtentwicklung im 19. Jahrhundert. Mitunter euphemistisch als "unsichtbare Intelligenz unserer Städte" bezeichnet, haben diese Erschließungsanlagen immerhin eine längere Lebensdauer als die Wohnbebauung, als Schulen und Amtsstuben. Aborte und Kanalquerschnitte, Gaslaternen und Stromnetze, Absatzbecken und Pumpwerke, Schwemmkanalisation und Aufbau der Radialsysteme: Das sind entscheidende Schlagworte in der Geschichte, die der sachkundige Autor mittels vieler Beispiele illustriert.

"Eine Stadt zentral von ihren Abwässern zu befreien ist ungleich schwieriger und vor allem kostspieliger als dieselben mit Wasser zu beliefern." Mit diesem Satz benennt Tepasse eingangs die entscheidende Problematik. Dabei herrschte Mitte des 19. Jahrhunderts in allen Großstädten Europas große Unsicherheit über das "richtige" Entwässerungsverfahren sowie über die benötigten Anlagengrößen.

Das, was sich üblicherweise in und unter den Straßen befindet, stellt bildlich gesprochen die Nabelschnur dar, die den Stadtkörper von der Mutter Erde her nährt. Zwar bemühte man solche Metaphern vornehmlich zu jener Zeit, als man im biologistischen Kurzschluss die Stadt als Organismus wahrzunehmen geneigt war, aber das Thema ist längst nicht so abseitig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Denn mit ihrer Architektur und ihrem Städtebau mag es der Gesellschaft gelingen, ein wie auch immer geartetes Ordnungssystem anschaulich zu machen; erst mit Stadttechnik indes wird es wirksam. Dass das "weiche" Oberflächenwasser von Spree und Havel weitaus geeigneter war für "die Wäsche" als das "harte" Brunnenwasser, hat sich als grundlegende lebensweltliche Anleitung heute zwar überlebt. Aber das ist kein Grund, sich dieser Wurzeln nicht gelegentlich zu entsinnen.

Wenngleich das Buch von Heinrich Tepasse, das auf eine Forschungsarbeit zurückgeht, durchaus etwas schematisch und sprachlich eher spröde geraten ist, schließt es doch eine empfindliche Lücke. Zwei weitere Bände sind übrigens noch zu erwarten, die zusammen ein Kompendium zur Stadttechnikgeschichte Berlins bilden.

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