Stadttour in Wedding : Die lauteste Ecke in Berlin

14.06.2011 09:46 UhrVon Kaveh Kooroshy
  • Hier beginnt die Stadtführung "Stadt im Ohr". Der Hof der Prinzenallee 58 ist laut dem Schild Autofrei, Motorradfrei ist er offensichtlich nicht. - Foto: Kaveh Kooroshy
  • Zuvor leiht sich der Besucher hier das Audiogerät für die Stadtführung "Stadt im Ohr" aus. Im Cafe "Kamine und Wein" werden neben Getränken auch Kamine verkauft - und die... - Foto: Kaveh Kooroshy
  • Das "Kamine und Wein" befindet sich an der Straße, in der Prinzenallee 58, in Berlin-Wedding. - Foto: Kaveh Kooroshy

In Wedding laden Audiotouren zu einer Hörspielreise ein. Seit März dieses Jahres bietet das Projekt "Stadt im Ohr" Besichtigungen im Weddinger Kiez an, die den Besucher in eine Welt entführen, die er wohl kaum selber entdeckt hätte.

Setzt man die Kopfhörer auf, klingelt das Telefon: "Hallo, schön, dass ich Dich erreiche. Ähm..., also wenn das jetzt alles stimmt, bist Du gerade in Berlin, Ortsteil Wedding, 52 Grad 33 Minuten nördliche Breite, 13 Grad 23 Minuten östliche Länge. Warst Du da schon mal?"  Es ist nicht das eigene Handy, das da klingelt und die Frage stellt, sondern der Beginn einer Entdeckungsreise durch den Wedding. Die Reise wird von "Stadt im Ohr" angeboten. Das ist eine Audio-Tour, die von dem Künstlern Massimo Majo gemacht wurde und in der Prinzenallee 58 beginnt. Hier lässt sich der Besucher im Café "Kamine und Wein" das Audiogerät und Kopfhörer aushändigen, um dann im Hinterhof des Nachbarschaftshauses eine geführte Entdeckungsreise ohne Führer zu starten.

Der Besucher erfährt, was es mit dem Haus Prinzenallee 58 auf sich hat, dass es schon über hundert Jahre alt ist und dass seine jüdischen Besitzer in der Nazi-Zeit deportiert wurden. Das es später einmal das hundertste besetzte Haus Berlins war und was nach der Besetzung geschah.

Folgt der Kieztourist den Anweisungen der Stadtführer, gelangt er über fünfzehn Stationen an wenig beachtete Orte, die er, wenn überhaupt, nur zufällig kennen gelernt hätte. Und doch haben die unscheinbaren Orte, die in keinem Reiseführer stehen, eine spannende Geschichte zu erzählen.

Vom Nachbarschaftshaus, vorbei an einem nahe gelegenen Spielplatz, führt der Audioguide den Besucher zur Osloer Straße Ecke Prinzenallee und erklärt: "Es wird lauter werden jetzt. Mit jedem Schritt in Richtung Kreuzung steigt der Straßenlärm an und die Bewegung auf der Straße nimmt zu." An der Imbissbude "Curry & Chili" der Straßenbahnhaltestelle, in der Mitte der vierspurigen Verkehrsader, bleibt der Gast auf Geheiß stehen.

Hier klingelt wieder dass Telefon und die mysteriöse Frau bittet den Besucher, doch mal an der lautesten Ecke Weddings einen Moment zu lauschen und einen Hörtest zu machen.

Die scheinbaren Banalitäten des Alltags werden verknüpft mit den Realitäten der Weddinger, dabei wird auch politisches angesprochen. Die Sanierungen, Mietsteigerungen und Veränderungen im Kiez werden thematisiert und plötzlich bemerkt der Hörer das Transparent, das von einem der Häuser an der Osloer Straße hängt: "Erstklassig, Stillvoll, Einzigartig. Modern sanierte Wohnungen mit Terrasse zu vermieten." Die Anwohner, die in das Hörspiel eingewoben werden, geben einen authentischen Eindruck und die szenischen Geschichten aus der Vergangenheit lassen diese wieder aufleben. Immer wieder stellen die Stimmen die Frage "Was denkst Du?", "Würdest Du hier leben wollen?" Sie geben dadurch dem Entdecker die Möglichkeit mitzumachen – zumindest in Gedanken und sich mit seinen ganz persönlichen Antworten auf die Frage zu beschäftigen.

Folgt man den Stimmen weiter, so erreicht man den Fluss die Panke. Hier wird man von den Stimmen in eine, der Osloer Straße komplett gegenteilige Welt geführt – ja fast schon entführt. Die Straßengeräusche sind plötzlich weit weg und man findet sich an einem Flusslauf mit dicht bewachsener Uferböschung wieder. Es ist, als wäre man ins Grüne gefahren. Hier, inmitten der grünen Oase, begegnet der Gast einer weiteren Weddinger Fabrik, auf dessen Gelände Kunstwerke stehen. Und während man sich noch über die versteckten Künstler-Ateliers wundert, stellen sich die Künstler einem auch schon vor: "Ich bin Jan Maruhn, Kunsthistoriker und Leiter der Bildhauerwerkstatt im Berufsverband Bildender Künstler."

Wer mehr erfahren möchte, über diesen und weitere Künstler und warum man am Münztelefon in der Uferstraße Ecke Martin-Opitz-Straße die mysteriöse Frau zurückrufen sollte, der kann die Tour und weitere Touren jederzeit unter folgender Internetadresse buchen:

Homepage: www.stadt-im-ohr.de Email: kontakt@stadt-im-ohr.de Die Touren kann man zu den Öffnungszeiten des Café "Kamine und Wein" ohne vorherige Absprache beginnen und kosten 9 Euro, und 7 Euro, wenn man die eigenen Kopfhörer mitbringt.

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