Städtebau : Berlin will DDR-Bauten am Alex unter Denkmalschutz stellen

Das Haus des Reisens, die TLG-Platten und andere Bauten am Alexanderplatz sollen zu Baudenkmälern erklärt werden. Für die Umgestaltung des Areals hätte das gewaltige Folgen.

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Das Haus des Reisens - hier wurde die Sehnsucht nach der großen weiten Welt in Robert Ide erweckt.
Das Haus des Reisens - hier wurde die Sehnsucht nach der großen weiten Welt in Robert Ide erweckt.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Am Alexanderplatz sollen weitere Altbauten unter Denkmalschutz gestellt werden, damit auch weniger leuchtende Beispiele des baulichen Erbes aus DDR-Zeiten erhalten bleiben. Welche Häuser das sein werden, überprüfen Gutachten zurzeit im Auftrag des Landeskonservators. Die Maßnahme fällt zeitlich zusammen mit der Überarbeitung des vor 20 Jahren beschlossenen Masterplans des Senats für den Alexanderplatz. Dieser sieht den Bau von Hochhäusern vor, wurde zuletzt aber von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher infrage gestellt. Sollten DDR-Bauten wie die TLG-Platten am Nordrand des Alex oder das frühere „Haus der Zeitung“ – heute Sitz des Berliner Verlags – geschützt werden, wären die dort ursprünglich geplanten Türme noch schwerer zu verwirklichen.

Eine DDR-Moderne mit hohem Anspruch

„Am Haus des Reisens ist der ideologische und künstlerische Gehalt von Architektur und Kunst besonders gut abzulesen", sagte Landeskonservator Jörg Haspel auf Anfrage. Er nennt etwa den Fries an dem Gebäude am Alexanderplatz, der zum grenzüberschreitenden Reisen einlud – „obwohl ein paar hundert Meter weiter die Welt für die DDR-Bürger schon wieder zu Ende war“. Das Haus des Reisens sei auch keine „Massenarchitektur“, sondern ein Bau der DDR-Moderne mit hohem Anspruch. Zusammen mit dem Haus des Lehrers bilde es eine „Torsituation“ an Berlins Verkehrsknotenpunkt.

Wohnturmbau am Alexanderplatz
Mit seiner zentralen Lage und den diversen Sehenswürdigkeiten lockt der Alexanderplatz jährlich tausende von Touristen. Nun soll er auch für Einheimische wieder besonders interessant werden.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: Mike Wolff
13.09.2011 18:25Mit seiner zentralen Lage und den diversen Sehenswürdigkeiten lockt der Alexanderplatz jährlich tausende von Touristen. Nun soll...

Debatte über Würdigung von DDR-Bauten ist nicht neu

20 Jahre ist es her, dass die letzten Bauten am Alexanderplatz unter Denkmalschutz gestellt wurden. Bevor in den 1990er Jahren das Haus des Lehrers und die Kongresshalle – dieses „wunderbare Stück Sputnik-Architektur“, wie Haspel sagt – Denkmalstatus erhielten, war eine heftige Debatte über diese Würdigung von DDR-Bauten entbrannt. Eine ähnliche Kontroverse könnte Berlin nun wieder bevorstehen. Denn auch die unter einer dicken Schicht Wärmedämmung versteckten Plattenbauten des ehemaligen „Hauses der Elektrotechnik“ (heute: TLG-Bauten), der ähnlich stark modernisierte und umgebaute Kaufhof sowie das ehemalige Forum-Hotel (heute: Park Inn) stehen auf der Liste der zu begutachtenden Bauwerke.

Die Musealisierung noch bestehender DDR-Architektur wurde bereits in zwei wichtigen Gremien diskutiert. Bei einer Sitzung des Landesdenkmalamtes sprach der Landesdenkmalrat die dringende Empfehlung aus, alle wichtigen und noch unberührten Bauten aus DDR-Zeiten unter Schutz zu stellen. Auch im Rat für Stadtentwicklung, der Mitglieder aller wichtigen Verbände und Kammern der Architektenschaft und Ingenieure versammelt, wurde der Schritt diskutiert. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher wird ebenfalls ein Faible für die Architektur der Moderne in Ost und West nachgesagt; sie hatte sich in Debatten wiederholt für die Erhaltung städtebaulicher Figuren aus DDR-Zeiten ausgesprochen, etwa für das Marx-Engels-Forum. Für eine aktuelle Stellungnahme war Lüscher am Montag für den Tagesspiegel nicht zu erreichen.

Der Alexanderplatz im Wandel der Zeit
Kaum wiederzuerkennen: So sah der Alexanderplatz 1784 aus.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Archiv
13.08.2013 21:52Kaum wiederzuerkennen: So sah der Alexanderplatz 1784 aus.

„Das Haus des Reisens mit seiner skulpturalen Architektur und seinem originellen Vordach verdient es sicherlich, unter Denkmalschutz gestellt zu werden“, sagte Theresa Keilhacker, Vize-Präsidentin der Architektenkammer. Der frühere Sitz der staatlichen Gesellschaft „Interflug“ geriet auch deshalb in den Fokus der Denkmalpfleger, weil er noch als DDR-Bau erkennbar und nicht durch Veränderungen nach der Wende „überformt“ wurde, wie Experten sagen.

Ebenfalls Denkmal-Kandidat ist das Haus der Zeitung

Chancen auf den Denkmal-Status hat auch das frühere Haus der Zeitung wegen des Frieses an der Südfassade. Dieses steht laut Denkmalschützern in Beziehung zu den Gemälden auf dem Haus des Lehrers, das bereits unter Schutz steht.

Nicht nur das TLG-Gebäude steht zur Diskussion. Weitere Bauten am Alexanderplatz (siehe Grafik) werden auf das Recht auf Denkmalschutz geprüft.
Nicht nur das TLG-Gebäude steht zur Diskussion. Weitere Bauten am Alexanderplatz (siehe Grafik) werden auf das Recht auf...Foto: Tsp/ Klöpfel

Die TLG-Bauten liegen in der „Pufferzone“ der Karl-Marx-Allee. Der Senat hat sich mit der Karl-Marx-Allee, die zu DDR-Zeiten in mehreren Abschnitten über mehrere Jahrzehnte errichtet wurde, sowie mit deren West-Berliner Pendant, dem Hansa-Viertel, um die Aufnahme ins Weltkulturerbe beworben. Der Koordinator der Berlin-Bewerbung und frühere Kultursenator Thomas Flierl spricht sich auch dafür aus, das Haus des Reisens unter Denkmalschutz zu stellen.

Im Falle der TLG-Bauten sieht er es aber anders: „Dadurch würde der Denkmalschutz die Stadtentwicklung ausbremsen.“ Wie andere Experten fordert Flierl die „Durchbrechung“ der bestehenden Barriere aus Plattenbauten, damit Straßenbahnen und Fußgänger vom Alexanderplatz aus direkt das neu entstehende Quartier hinter den TLG-Bauten ansteuern können.

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