Berlin : Städtepartnerschaft: Der schwarze Ebi trifft den roten Ken

Hendrik Bebber

Noch vor einem Jahr hätte Eberhard Diepgen keinen Kollegen in London für einen Erfahrungsaustausch gefunden. Nun freute er sich herzlich, dass er in der britischen Hauptstadt endlich einen Amtsbruder treffen kann. "London ist in die Gemeinschaft der Europäischen Metropolen zurückgekehrt", beschrieb der Regierende Bürgermeister von Berlin den Effekt der ersten Wahl eines Stadtoberhauptes von Gesamtlondon, die in diesem Mai von Ken Livingstone gewonnen wurde. Den Sieg des linkssozialistischen "Roten Ken", der gegen den erbitterten Widerstand seiner Labour Partei angetreten war, bezeichnete Diepgen diplomatisch als "konfliktträchtig", wobei etwas wie Anerkennung in seiner Stimme mitschwang.

Zwischen den beiden Metropolen herrscht dagegen eine solche Harmonie, dass eine formelle Städtepartnerschaft kurz bevorsteht. Diepgen und Livingstone unterzeichneten eine "gemeinsame Erklärung der Zusammenarbeit auf allen Gebieten und Ebenen". Von Verkehr bis Kultur, vom Wohnungsmarkt bis zu Wirtschaftsinitiativen werden London und Berlin Erfahrungen austauschen und gemeinsame Projekte koordinieren. Dazu wollen die Stadtverwaltungen gegebenenfalls sogar Experten austauschen. Berlin könne beispielsweise London bei der Verkehrsplanung manchen guten Tipp geben. Bei dem Ehrgeiz, der führende Standort für Informationstechnologie und Neue Medien in Deutschland zu werden, könnte Berlin umgekehrt eine Menge von London lernen. So kamen mit Diepgen rund drei Dutzend Vertreter von Berliner Unternehmen nach London, um bestehende Kontakte auszubauen oder neue zu knüpfen. Nach den vorhergegangenen Visiten von Warschau, Budapest und Tel Aviv ist London wohl am "ergiebigsten": Schließlich ist Großbritannien der wichtigste ausländische Absatzmarkt für die Berliner Wirtschaft. Ihre besondere Lage und Geschichte mache die beiden Metropolen wirtschaftsstrategisch für einander so interessant: "Londons Strahlkraft über den Atlantik" und Berlin als "Tor zu Osteuropa" mache eine Kooperation nach Diepgens Ansicht besonders attraktiv.

Der Regierende Bürgermeister kam freilich auch als Landeschef und CDU-Mitglied nach London, um hier Gespräche mit britischen Politikern zu führen. Kurioserweise herrschen zwischen Diepgen und der britischen Labour-Party hinsichtlich der Zukunft Europas weitaus mehr Übereinstimmung als mit der konservativen Schwesterpartei, deren Chef William Hague er einen Höflichkeitsbesuch abstattete. So begeisterte sich Diepgen in London über Tony Blairs Warschauer Rede, in der sich der Premierminister leidenschaftlich für die schnelle Aufnahme Polens, Ungarns und Tschechiens in die EU einsetzte. Der Erweiterung der EU wünscht sich Diepgen "so schnell wie möglich" und müsse durch Übergangsregeln beschleunigt werden.

An London imponierte Diepgen vor allem, dass die Stadt "so schön fertig aussieht", während Berlin noch von "unten nach oben umgekrempelt" wird. Aber gerade die "Spannung des Aufbaus" mache Berlin für britische Besucher so interessant. Der Regierende Bürgermeister will jedenfalls darauf achten, dass die Stadt nicht einmal zu "geleckt und geschleckt" aussieht und ihre aufregenden Kanten verliert. Aufregend genug war der Besuch gewiss für die Deutsche Botschaft. Sie verlegte extra den Empfang zum Nationalfeiertag, um den britischen Gästen die Gelegenheit zu geben, mit dem Vertreter der Stadt zu feiern, die in Großbritannien als "coolster Platz" Deutschlands gilt.

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