Städtevergleich : Gutes Berlin, schlechtes Berlin

Von der Spitze bis ans Schlusslicht: 12 Monate, 17 Rankings. Berlin durchläuft einen Städtevergleich nach dem anderen – was sagen die Ergebnisse eigentlich aus?

Thomas Loy
Brandenburger Tor Touristen Foto: Thilo Rückeis
Beliebtes Motiv: Touristen fotografieren sich mit einem Berliner Bären am Brandenburger Tor. -Foto: Thilo Rückeis

Berlin 17 Ranglisten mit Berlin-Beteiligung sind innerhalb eines Jahres veröffentlicht worden – mit auffallend unterschiedlichen Ergebnissen: Mal ist Berlin ganz vorne, wenn es um die Anziehungskraft für die kreativen Globetrotter geht, mal ist Berlin kraftloses Mittelmaß wie in der Prognos-Studie um die Zukunftschancen der Regionen, dann ist Berlin wieder hoffnungsloses Schlusslicht wie bei der Wirtschaftsdynamik-Studie von „Wirtschaftswoche“ und „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“.

Ein Resümee könnte so lauten: Berlin hat im internationalen Vergleich eine hohe Lebensqualität, aber nur für Erwachsene, ist ein beliebter Standort bei Unternehmern und ein beliebtes Ziel für junge Kreative, dennoch sind die Wirtschaftsdaten nachhaltig schlecht, die Entwicklungschancen dagegen überwiegend gut.

Oder stimmt das alles nicht?

Berlin ist bei den Umfragen so oft vertreten, weil es sich vielfältig vergleichen lässt, im globalen Ranking der Metropolen, der europäischen Großstädte oder der deutschen Bundesländer. Bei den Studien zum Thema Zukunft fällt auf, dass viele stark vergangenheitsorientiert sind – so werden beim Prognos-Vergleich der Landkreise und Städte auch viele Status- quo-Faktoren wie Arbeitslosigkeit und Bruttosozialprodukt berücksichtigt – Resultat: Platz 245 für Berlin. In der Zukunftsstudie der Hypovereinsbank spielt nur noch die Pro-Kopf-Verschuldung eine Rolle – Berlin wird Sechster, beim „Innovationsindex“ des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg sind alle sechs Indikatoren frei vom Ballast der Vergangenheit – und Berlin ist auf dem Siegertreppchen. Es kommt eben darauf an, welche Zukunft gemeint ist: die von morgen oder die in 20 Jahren.

Problematisch ist auch die Vergleichsebene. Ist Berlin nun Stadt oder Land? In der Prognos-Studie wird Berlin als „kreisfreie Stadt“ mit 439 anderen Landkreisen Deutschlands verglichen, die Wirtschaftswoche (Wiwo) verzichtet darauf, wegen „stark abweichender Strukturen“, wagt aber einen Vergleich auf den übrigen Ebenen. Unter 50 Städten landet Berlin auf dem letzten Platz, unter den 16 Ländern dagegen auf Position 8. Peter Paustian von der Senatsverwaltung für Wirtschaft – er analysiert alle Rankings, die sein Ressort berühren – weist darauf hin, dass im Wiwo-Städteranking der Zeitraum 2001 bis 2006 gemessen wurde, im Wiwo-Länderranking jedoch der Zeitraum 2004 bis 2006. In diesen Jahren schneidet Berlin beispielsweise beim Bruttoinlandsprodukt besser als zwischen 2001 bis 2004 ab. So lassen sich Rankings beeinflussen.

Verglichen wird eben, was die statistischen Daten hergeben. Und die Gewichtung im selbst gemixten Indikatorencocktail macht jedes Institut nach eigenem Rezept. „Jede Gewichtung von Indikatoren führt zu anderen und damit willkürlichen Ergebnissen“, sagt Busso Grabow, Rankingexperte des Deutschen Instituts für Urbanistik. Bei einigen Akteuren wie Bertelsmann und der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft sei „deutlich eine politische Absicht erkennbar“. Die jüngste Studie des Prognos-Instituts zum Thema Familienfreundlichkeit bekommt von Grabow dagegen ein Lob, weil sie auf eine lineare Rangfolge verzichtet und die Ergebnisse differenziert auffächert.

Im Falle Berlins wird deutlich, dass objektive Daten und subjektive Einschätzungen weit auseinanderklaffen. Obwohl der Standort deutliche Schwächen hat, finden Berliner Unternehmer, es könnte keinen besseren für ihre Firma geben. „Berlin ist ein Gebiet im Strukturwandel – das lässt sich nicht ausschließlich mit den klassischen Daten abbilden“, sagt Peter Paustian. Sein Kollege von der Senatsverwaltung für Bildung, Tom Stryck, hält nicht viel von Städterankings. „Das sind doch Medien-Artefakte.“ Richtig spannend wird es für Stryck nur bei Pisa. Die nächste Vergleichsstudie für den Lernerfolg von Schülern, Pisa III, soll im Dezember herauskommen.

Berlin ist ein begehrtes Rankingobjekt, selten jedoch geht ein Ranking von Berlin aus. Ausnahme ist die neue Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung. In Sachen Toleranz und Talente belegt Berlin bundesweit einen Spitzenplatz. Solche Themen interessierten Rankingmacher bisher nicht. Baden-Württemberg hat schon früher erkannt, dass nur wirklich gut ist, was aus der eigenen Küche kommt. Beim EU-weiten „Innovationsindex“ des Statistischen Landesamtes in Stuttgart liegt das Ländle schon zum zweiten Mal auf Rang 1.

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