Berlin : Stahlbänder der Erinnerung

Wowereit übergibt den neuen Gedenkort an der Bornholmer Straße, wo sich am 9. November 1989 die DDR-Grenze öffnete

Christian Helten
Auf dem Boden der Geschichte. Beschriftete Stahlbänder erinnern am neuen Gedenkort an der Bornholmer Straße an die Ereignisse vom 9. November 1989. Foto: Kumm/dpa
Auf dem Boden der Geschichte. Beschriftete Stahlbänder erinnern am neuen Gedenkort an der Bornholmer Straße an die Ereignisse vom...Foto: dpa

Es wurde gestern für Günter Wetzel ein besonders langer Tag. Morgens war er schon im Supermarkt, um Sekt zu kaufen fürs abendliche Feiern an der Bornholmer Straße. Er wohnt ein Stück östlich der Bösebrücke, und er kommt jedes Jahr, um mit seiner Frau und vielen anderen Zeitzeugen auf den 9. November 1989 anzustoßen – den Tag, als sich hier die Grenze der DDR zum ersten Mal öffnete. „Es war fantastisch“, erinnert er sich. „Ich konnte kaum aus der Haustür raus, so viele Menschen und Autos waren da.“ Sie selbst überquerten erst am nächsten Tag die Grenze, erzählt Christine Wetzel. „Aber am Sonntag darauf sind wir mit unserem Trabbi über jeden einzelnen Berliner Grenzübergang gefahren.“

Diesmal verlief der Gedenktag der Wetzels etwas anders als die Jahre zuvor. Schon mittags standen sie an der Bornholmer Straße, und abends wollten sie wie gewohnt wiederkommen – aber sie mussten die Straßenseite wechseln: Der Gedenkstein, an dem sie in den Vorjahren immer angestoßen hatten, wurde versetzt. Er ist jetzt Teil des neuen Platzes des 9. November 1989, den der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit gestern vor etwa 300 Besuchern der Öffentlichkeit übergab. Damit sei ein „würdiger Ort“ für die Erinnerungstreffen der Bürger geschaffen, sagte Wowereit. An der Bornholmer Straße habe sich „ein Drama von weltgeschichtlichem Ausmaß“ abgespielt. Wowereit betonte, dass hier nicht die Mächtigen Geschichte geschrieben haben, „sondern ganz normale Menschen aus Ost-Berlin“. Er erinnerte daran, dass der 9. November auch das Datum der Pogromnacht von 1938 ist: „Heute vor 72 Jahren brannten in Berlin die Synagogen.“

Die Gestaltung des Platzes orientiert sich an den vielen Momenten, die bis heute die Erinnerung an dem 9. November 1989 ausmachen. In den Boden sind in unregelmäßigen Abständen rostige Stahlbänder eingelassen. Sie sind mit Zeitangaben versehen, jedes Stahlband steht für ein Ereignis des turbulenten Tages – von der Ausarbeitung der neuen Reiseregelung in den DDR-Ministerien um 9 Uhr bis zur Öffnung der Schlagbäume an der Bornholmer Straße, die um 23.30 Uhr mit dem Befehl eines Stasi-Offiziers begann: „Wir fluten jetzt!“ Außerdem gibt es Schautafeln mit Fotos und Informationen sowie Kirschbäume, die bei mildem Wetter sogar im November blühen und die nach Westen drängenden Menschen symbolisieren sollen.

Vor der Feier zur Eröffnung des Platzes wurden am Mauerdenkmal in der Bernauer Straße Kerzen entzündet. Mit einer Andacht in der Kapelle der Versöhnung auf dem ehemaligen Todesstreifen wurde der Teilung Deutschlands und ihrer Opfer gedacht. Christian Helten

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