Berlin : Stalins Geheimwaffe

Wolfram Siebeck

Ihre Haltung ist ein einziger Vorwurf: „Wo kommt ihr jetzt erst her?“ (Halbbuckel, Seitenansicht.) „Gestern den ganzen Tag weg, und jetzt ist schon wieder fast Abend!“ (gesträubtes Fell, Rückenansicht). „Wie soll ich dieses Alleinsein überstehen?“ (steifbeiniger Abgang.)

„Nun mal langsam, Frau Hoffmann“, rufe ich ihr nach. „Wenn du es hier öde findest, schicken wir dich nach Moskau in den Katzenzirkus.“

Das wirkt. Sie bleibt stehen und dreht sich langsam um. „Wohin?“

„Nach Moskau.“

„Da liegt doch der Große Vorsitzende im Glassarg, oder?“

„Der Große Vorsitzende liegt in Peking. Der in Moskau heißt Lenin.“

„Natürlich. Weiß ich doch. Wie Tutenchamun. Seit tausend Jahren und länger.“

Nichts weiß sie. Sie gibt es nur ungern zu, dass sie Bildungslücken hat. „Und der hat einen Katzenzirkus?“, lenkt sie ab.

„Nein, der Zirkus gehört einem anderen. Da treten Katzen auf, die können die tollsten Sachen!“

Man sieht ihr an, wie sie gegen ihre Neugier ankämpft und die Desinteressierte spielt. „Was werden andere Katzen schon können, das ich nicht auch kann?“

Ich strecke ihr die flache Hand entgegen: „Hier, mach darauf einen Handstand!“

„Einen Handstand? Was ist das?“

„Nenn es meinetwegen Pfotenstand. Stell dich auf die Vorderpfoten und wedele mit dem Schwanz!“

„Warum sollte ich?“

„Weil das eine Katze im Moskauer Katzenzirkus macht – auf Kommando.“

„Du meinst, gehorsam wie ein Hund?“

Damit ist mein Versuch, Frau Hoffmann für die Dressur zu interessieren, endgültig gescheitert. Aber irgendetwas ist hängen geblieben. Nach ihrem nächsten Kurzschlaf springt sie vom Sofa, reckt sich gewaltig und fragt wie beiläufig: „Warst du schon mal in Moskau?“

„Ja. Ist aber schon lange her.“

„Ist das eine schöne Stadt?“

„Damals nicht.“

„Warum bist du dann hingefahren?“

„Es gibt dort ein berühmtes Ballett, das wollte ich sehen. Außerdem hatte ich einen Kursus im Wodkatrinken gebucht.“

„Und wie war das Ballett?“

„Ich bin nicht dazu gekommen. Der Kursus war zu anstrengend.“

Sie überlegt eine Weile. „Hättest du keinen anderen Kursus buchen können?“

„Doch. Ich wollte über eine Teppichstange laufen können, wie es die Katzen im Moskauer Katzenzirkus lernen. Aber der Zirkus war gerade auf Tournee.“ Dass der Zirkus schon wieder erwähnt wird, in dem Katzen auf zwei Pfoten stehen wie dressierte Hunde, gefällt ihr gar nicht. Ich sehe es an ihren nervös zuckenden Ohren. Dann fällt ihr ein Thema ein, mit dem sie mich garantiert ablenken kann: „Wie war das Essen in Moskau?“

„Flüssig.“

„Flüssig? Wie Suppe?“

„Ja, viele Suppen gab’s und eingelegte Gurken.“

„Und dazu hast du Wodka trinken müssen, nehme ich an?“

„Ja, notgedrungen. Weil es nur wenig Wein gab.“

„Seit wann trinkst du Wein zu eingelegten Gurken?“

Was weiß sie über meine Trinkgewohnheiten? Sie weiß alles. Damals in Moskau hätte sie die unzähligen Wanzen ersetzen können, mit denen wir ständig bespitzelt wurden. Möglicherweise hätte sie mich nach Sibirien gebracht. Ich betrachte sie misstrauisch. Niedlich sieht sie aus, wie sie sich den Pelz wäscht, den Schwanz bürstet und auf den Pfoten herumkaut. Aber in ihren Augen tränt nie die rührende Hingabe für ihr Herrchen, wie sie jeder Dackel demonstriert. Frau Hoffmann, das kann ich nicht bestreiten, wäre eher eine Mata Hari gewesen als eine Florence Nightingale. Und in Moskau, wer weiß, Stalins Schoßkatze.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmet und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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