Berlin : Stalins Ohr

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Von Lothar Heinke

Oh, Euer Merkwürden, es gibt neue Nachrichten aus der Metropole: Stalin, dieser alte Josef Wissarionowitsch, wird zum Politkrimi. Wie die früher Geborenen unter uns wissen, stand der Generalissimus mal auf einem Sockel in der nach ihm benannten Allee. Das Podest ist noch da, die Allee trägt längst den n von Karl Marx, und Stalin wurde in Nacht und Nebel vom 13. auf den 14. November 1961 auf Befehl von ganz oben gestürzt und entsorgt. Wenn die Deutschen etwas machen, dann gründlich: Bei dieser Entstalinisierung sollte Genosse S. „bis zur Unkenntlichkeit“ zerkleinert werden. Na jut, schadt ihm ja nischt. Das ist über 40 Jahre her. Heute: Von Stalin keine Spur.

Irrtum! Als damals Stalin flachgelegt wurde, dachte sich wohl ein Baubrigadier: Wer weiß, wozu das noch mal gut ist? Und, ritsche-ratsche, sägte er ein Ohr des Unsterblichen ab, um es als Souvenir in der Hosentasche verschwinden zu lassen.

Jetzt tauchte das schwere und ziemlich große Organ (Väterchen, warum hast du so große Ohren? Damit ich die Internationale besser hören kann) wieder auf. Im Café „Sibylle“ in der Karl-Marx-Allee gibt es eine kleine, mit viel Liebe gestaltete Ausstellung zur Historie der „Allee“, wie die Leute hier sagen. Als wichtiger Sachzeuge aus der 50-jährigen Geschichte der „ersten sozialistischen Straße Deutschlands“ hängt da eben jenes bronzeblanke Stalin-Ohr an der Wand, der Schwiegersohn des Brigadiers hatte es als Leihgabe spendiert. Und nun isses weg, das Ohr. Schnöde Schurken haben das Bronzestück mit rohen Kräften, sogar frech während Sibylles Geschäftszeiten, samt Dübel aus der weißen Wand gerissen und sind damit abgehauen. Wohin? Schrebergarten? Schlafzimmer? Stalinistische Plattform? Ins Altersheim? Der Staatsschutz ermittelt.

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