Stalking : Die Angst ist immer bei dir

Sie war lebhaft und herzlich – und seine Vorgesetzte. Er verliebte sich und begann, ihr aufzulauern. Der Mann ist einer von 114 Tätern, die Stop-Stalking, eine Beratungsstelle in Steglitz, 2015 betreut hat. Eine Langzeitreportage über Jäger und Gejagte.

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Unerwünschte Aufmerksamkeit - auch das bedeutet Stalking.
Unerwünschte Aufmerksamkeit - auch das bedeutet Stalking.Foto: Angelika Warmuth/pa-dpa

Die Besucher geben sich mal als Mitglieder der russischen, mal als solche der italienischen Mafia aus. Die Nachricht, mit der sie Konstantin Fechner in seinem Geschäft belästigen, ist immer dieselbe: Wenn du deine Partnerin nicht verlässt, schlagen wir den Laden kurz und klein – und bringen dich um. Die Mafia vergesse nie.

Was nach einem Albtraum oder einem schlechten Film klingt, ist für Fechner Alltag. Der Mann, der ihm seit Jahren nachstellt, hat eine Vorliebe für absurde Szenarien, in die er sich immer weiter hineinsteigert. Wer von der Mafia bedroht werde, warnt er, sollte keine Kinder großziehen. Der Stalker hat Fechners Leben nach und nach in einen dauerhaften Ausnahmezustand verwandelt. An guten Tagen kann Konstantin Fechner darüber lachen. Doch die jahrelange Bedrohung geht an die Substanz.

Fechner ist Mitte 40, durchtrainiert, hat ein breites Kreuz und einen klaren Blick. Er sieht nicht aus wie jemand, der sich schnell Angst einjagen lässt. Kerzengerade sitzt er an einem sonnigen Nachmittag im Mai 2015 in der nüchtern möblierten Steglitzer Altbauwohnung, in der die Beratungsstelle Stop-Stalking untergebracht ist. Das einzige Angebot in Berlin, das auf Nachstellungen spezialisiert ist. Hierher ist er heute zum vierten Mal gekommen, um sich Unterstützung zu holen – quer durch die Stadt, die bedrohlich geworden ist für ihn.

Als er seine Partnerin kennenlernt, ist sie noch verheiratet

Fechners Partnerin wartet im Flur, die beiden haben später noch einen gemeinsamen Beratungstermin. Sie ist nicht glücklich darüber, dass er nun erst mal einer Journalistin von seinen Erfahrungen erzählt. Weil die beiden nicht wissen, welche Folgen das haben könnte: für ihr privates und berufliches Umfeld. Deshalb trägt Fechner in diesem Text einen anderen Namen als in Wirklichkeit, auch über seinen Beruf und den Stadtteil, in dem er lebt, will er keine Angaben lesen.

Als Fechner seine Partnerin kennenlernt, ist sie noch verheiratet. Die beiden verlieben sich, für ihn verlässt sie ihren Mann. Da sie ahnt, dass der ihre neue Beziehung nicht akzeptieren wird, will sie die Verbindung zunächst lieber geheim halten. „Doch er hat sie belagert und rausgekriegt, dass sie einen neuen Partner hat.“ Fechner hält es anfangs für verständlichen Trennungsschmerz, der den Ex weiterhin Kontakt zu seiner Freundin suchen lässt. Die Mails und Anrufe, die sie bekommt, findet er zunächst einfach nur anstrengend. Ein paar Wochen später hält er sie für Belästigung. Und bald schon rutscht er von der Beobachterposition in die Schusslinie, der Stalker konzentriert sich nun auf ihn. „Es ging darum, mich so massiv unter Druck zu setzen, dass ich die Beziehung beende.“

Neben der „Mafia“ schickt er ihm SMS und E-Mails, er lauert ihm vor der Haustür auf. Später bringt er Gerüchte in Umlauf, Fechner habe Kundinnen belästigt, sich an Kindern vergangen. Fechner hat Glück, in Form eines „relativ starken“ Umfelds, beruflich wie privat. Es hält von Anfang an zu ihm, schenkt den Gerüchten keinen Glauben. Und doch: „Irgendwann kreist der Kopf nur noch darum, sich zu verteidigen.“ Fechner aber will in seinem Leben Regie führen, ist vom Naturell her ein Macher, kein Getriebener. Dass einer wie er dem Kreislauf aus Tätigwerden, Erschöpfung und dem Gefühl, aus diesem Strudel überhaupt nicht herauszukommen, nicht mehr entgehen kann, zeigt etwas von der gesellschaftlichen Tragweite des Problems.

Der Begriff kommt aus der Jagdsprache

Der Begriff Stalking kommt aus der Jagdsprache und bedeutet übersetzt: heranpirschen oder anschleichen. Im englischen Sprachraum beschreibt er den Vorgang, dass ein Mensch einem anderen über einen längeren Zeitraum nachstellt, seit den 1990er Jahren. Seit 2004 steht das Wort für das beharrliche und belästigende Verfolgen einer Person im Duden. Die Jagd scheint für dieses Vorgehen die perfekte Metapher zu sein: weil sich der Täter jeder offenen Kommunikation verweigert, seinem Opfer jegliche Kontrolle nimmt. Wer sich ungerecht behandelt, zurückgewiesen, abserviert oder verspottet fühlt, kann so das Kräfteverhältnis umkehren. Nun, als Stalker, bestimmt er allein, wie lange er sich zurückhält und wann er wieder in Erscheinung tritt, ob er Nachrichten schickt oder sein Opfer auch körperlich bedrängt. Damit treibt er es vor sich her, manipuliert sein Zeitgefühl, kann es in Sicherheit wiegen oder schwer beunruhigen.

Laut einer Studie des „Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit“ werden in Deutschland knapp zwölf Prozent der Bevölkerung einmal in ihrem Leben gestalkt – 87 Prozent der befragten Opfer sind Frauen. Rund 25 000 Fälle werden jedes Jahr bundesweit angezeigt, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Einer EU-weiten Befragung aus dem Jahr 2013 zufolge bringt nur jede vierte Frau eine Nachstellung zur Anzeige. Die Berliner Polizei hat 2014 insgesamt 1950 Fälle aufgenommen, 2015 waren es 1729. In drei von vier Fällen kennen sich Täter und Opfer. In jedem zweiten Fall waren sie liiert. Deutlich häufiger als aus dem Nichts entsteht also aus Nähe, Liebe gar, das, was alle Opfer in verschiedenen Ausprägungen empfinden: Angst.

„In der Beratung von Stalkingopfern geht es häufig um die Frage, wie man aus diesem Angstgefühl wieder herauskommt, wie man seine innere Stärke zurückgewinnt“, sagt Wolf Ortiz-Müller. Der Leiter der Beratungsstelle Stop-Stalking hat im großen Beratungszimmer Platz genommen, die Fenster lassen viel Licht in den Raum. Der schlanke Mittfünfziger wirkt entspannt, seine Stimme klingt beruhigend. Er hört aufmerksam zu und nimmt sich Zeit für seine Antworten. Je länger das Gespräch dauert, desto nachdenklicher wirkt er. Das Thema ist komplex, und die Rechtslage macht es den Opfern nicht leicht, sich zur Wehr zu setzen.

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