Stargäste : Unter Künstlern und Kurieren

Seit 50 Jahren empfängt Bodo Wulfert die Gäste im Hotel Savoy. Eigentlich hätte er gerne Literatur studiert.

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Es war an einem Sonntag im Kalten Krieg. Bodo Wulfert, Empfangschef im Hotel Savoy in der Fasanenstraße, war gerade auf dem Weg von seiner Wohnung in der Mommsenstraße zur Arbeit, als aus der S-Bahn Tausende von Flugblättern auf die Straße flattern – Propaganda aus dem kommunistischen Ostteil. „Bürger Westberlins, meidet das Savoy, das Agentennest im Herzen der Stadt“, stand darauf. Dabei standen die Namen von zwei angeblichen CIA-Agenten, darunter ein Herr Hübner aus Kassel. „War alles frei erfunden“, sagt Bodo Wulfert und lächelt. Er kam nämlich selber aus Kassel und hat nachgeforscht.

Am 1. August 1963 fing er im Hotel Savoy an, zunächst als Journalführer, also als eine Art Buchhalter. Bis heute arbeitet der inzwischen 73-Jährige in dem Hotel, das bei der Eröffnung 1930 das modernste Berlins war. Als „Guest Relations Manager“ repräsentiert er heute einen ganz besonderen Luxus. An fünf Tagen in der Woche sitzt er in der Lobby und spricht mit den vielen Stammkunden. „In meiner Zeit als Empfangschef habe ich es immer bedauert, dass bei der Abreise keine Zeit mehr für ein Gespräch war, weil immer schon der nächste Abreisende auf die Rechnung wartete.“

Zeit für Gespräche wirkt in Zeiten ständiger Sparmaßnahmen fast kostbarer als ein Swimmingpool. Außerdem tut Wulfert, was er früher schon am liebsten machte. Er besorgt Theater- und Konzertkarten und berät die Gäste bei der Auswahl der Stücke. Klar, dass er sich regelmäßig durch die Lektüre der Theaterkritiken im Tagesspiegel und früher auch im „Abend“ informierte. Das fiel nicht schwer, denn er ist ja selber ein glühender Opernfan, regelmäßiger Gast im Theater des Westens und seit deren Eröffnung in der Deutschen Oper in der Bismarckstraße. Von seiner Wohnung aus kann er alles bequem erreichen. In den 50 Jahren seines Arbeitslebens wurde er zu einer Institution des bis heute von Künstlern und Literaten besonders gern frequentierten Hotels.

Diese Tradition begründete einst Thomas Mann, und Wulfert hat auch eine ganz bestimmte Vermutung, warum. „Sein Bruder Heinrich Mann wohnte ganz in der Nähe in der Fasanenstraße.“ Auf seinem Schreibtisch liegt noch ein altes, in hellbraunes Leder gebundenes Gästebuch. Maria Callas hat sich darin eingetragen, Robert Siodmak, Vico Torriani. Auch Herbert von Karajan gehörte einst zu den Stammgästen. Außerdem kamen unter anderem Greta Garbo und Zarah Leander, Henry Miller und Heinrich Böll, Ulrich Tukur und Axel Milberg, Ken Adam und Ralph Giordano.

In der Vitrine in der Halle werden immer die Bücher des Schriftstellers ausgestellt, der aktuell gerade da ist. Am Tag des Interviews sind es Werke des Niederländers Geert Mak, der in seinem Buch „Was, wenn Europa scheitert“ auch über Bodo Wulfert und das Hotel Savoy schreibt. Bodo Wulfert wirkt wie der Urtyp eines diskreten Gentleman mit dem perfekt sitzenden Anzug und der elegant gemusterten Krawatte. Er kennt die Geschichte des Hauses noch besser als Hans Eilers, der immerhin auch schon seit 34 Jahren Direktor des Hotels ist.

Zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und 1953 nutzten die Briten das Haus als Hauptquartier. Als sie es zurückgaben, war eine der Bedingungen, dass künftig die Kuriere ihrer Majestät der Königin dort gratis logieren können sollten. „Auf dem Weg von London nach Moskau landeten die auf dem britischen Militärflughafen in Gatow, denn es gab keine Direktflüge.“ Waren also doch Agenten im Einsatz? Wulfert vermutet, dass viele der Kuriere schlicht Post nach Moskau transportierten. Gewissheit, dass dieses Hotel im Fokus von Agenten war, gab es erst nach dem Fall der Mauer. Damals wurde dem überraschten Hoteldirektor mitgeteilt, dass die Stasi einen kompletten Schlüsselsatz besaß und somit Zugang zu allen Zimmern hatte.

Das Propagandaflugblatt aus den 60er Jahren hat Wulfert mal einem Gast ausgeborgt, der Historiker war. Der wollte es eigentlich zurückgeben, hat es aber nie getan. Sowieso suchen Eilers und Wulfert derzeit aber nach historischen Dokumenten, nach alten Postkarten und Kofferaufklebern, nach Einladungen zur Eröffnung 1930, weil sich der exakte Tag nicht mehr bestimmen lässt, nach Einladungen zu anderen Festen, Rechnungen oder Lehrverträgen.

Entworfen wurde das Hotel von dem Architekten Heinrich Straumer, der auch den Funkturm geplant hat. Schon 1930 hatte jedes Zimmer ein Bad. Heute wirken die Zimmer eher gemütlich als modern, man kann verstehen, warum Schriftsteller sich hier wohlfühlen. Wulfert hätte als junger Mann gern Literaturwissenschaften studiert, was aber aus finanziellen Gründen nicht möglich war. Vielleicht ist er deshalb so lange geblieben. Im Savoy war er sein ganzes langes Berufsleben über von lebendiger Literatur umgeben.

Zahlreiche Künstler und Literaten haben im Hotel Savoy gewohnt.

Die Operndiva Maria Callas residierte hier bei einem Berlinbesuch.

Der Autor Heinrich Böll stieg ebenfalls in der

Fasanenstraße ab.

Neben Greta Garbo wohnten hier auch Zarah Leander, Henry Miller und Ulrich Tukur.

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