Berlin : Stars im Nachtjackenviertel

Heidemarie Mazuhn

Nachtjackenviertel - so nennt man triste Gegenden, in denen abends die Bürgersteige hochgeklappt werden. Das Karree um den Falkplatz in Prenzlauer Berg ist so eines, daran hat auch die Max-Schmeling-Halle nichts geändert. Abends läuft man in den spärlich erleuchteten Straßen Gefahr, in die stinkende Hinterlassenschaft der vierbeinigen Bewohner des Kiezes zu treten. Autofahrern dagegen droht bei der aussichtslosen Suche nach einem Parkplatz ein Nervenkollaps.

Anwohnende Radfahrer machen die Situation nicht besser - sie fahren auch schon mal ohne Licht, ohne Verkehrsregeln sowieso. Noch außer sich von der erlebten Faust-Attacke eines gesetzlosen Zweirad-Helden auf ihren "richtig gefahrenen Jeep", rauschte am Mittwochabend Ursula Karusseit bei "Falkman" ein.

So heißt die Eckkneipe am Falkplatz 1, die der 39-jährige Jacques Dumdei im Februar gemeinsam mit einem Freund übernommen hatte. Mit dem Kalkül, dass es aus der gegenüber liegenden Max-Schmeling-Halle mit immerhin 30 Sportvereinen den einen oder anderen Gast in das Lokal an dieser toten Ecke reinweht.

Ursula Karusseit hatte es weit bis hierher. Sie kam aus ihrem Wohnort Senzig bei Königs Wusterhausen, um im "Falkman" aufzutreten - im wahrsten Sinne des Wortes also "Wege übers Land" - so hieß der Straßenfeger des DDR-Fernsehens, der die Theaterschauspielerin 1968 in ganz Ostdeutschland bekannt machte. "Was man verspricht, muss man halten", sagte der Star, der einst in der "Drachen"-Inszenierung am Deutschen Theater und Brechts "Guter Mensch von Sezuan" an der Volksbühne Theatergeschichte mitschrieb. In der Gegenwart hat die 62-Jährige gerade in Polen den Fernsehfilm "Brücken der Liebe" abgedreht und ist in der ARD-Serie "In aller Freundschaft" schon fünf Staffeln lang der "gute Geist Charlotte". Ihren Auftritt im "Falkman" hatte die Schauspielerin dem Wirt versprochen - kannte sie ihn doch schon als Filmproduzent. Bevor Jacques Dumdei seinen gastronomischen Selbstversuch startete, produzierte er Opernfilme und half, den Tränenpalast und die Kulturbrauerei mit kulturellen Inhalten zu füllen. Auch im "Falkman" sollen nicht nur die Teller und Gläser der Gäste gefüllt werden, sondern auch deren Köpfe. Eine Rezeptur, die der Schultheiss-Brauerei so gefiel, dass sie dem Neuling unter die Arme griff. "Lockungen" heißt die Veranstaltungsreihe, die seit September im "Falkman" mittwochs außer Bier, Wein und Speisen serviert wird. Bekannte Namen lockten da schon - Corinna Harfouch, Katja Lange-Müller, Adolf Endler, Wladimir Kaminer, jetzt eben Ursula Karusseit. "Immer sind die Weiber weg" las, nein, spielte sie aus Stefan Heyms gleichnamigem Buch. Einer hörte der Karusseit besonders fachmännisch zu - Benno Besson. Mit dem Schweizer Theaterregisseur war sie von 1969 bis 1995 verheiratet. Auch ihre Vorgängerin bei dem berühmten Theatermann war mit Sohn Phil am Falkplatz dabei, später kam auch noch Katharina Thalbach - fast ein Familienabend war es. Nur Karusseits und Bessons gemeinsamer Sohn Pierre fehlte - er soll am 12. Dezember im "Falkman" auftreten. "Ruf ihn an", riet die Mutter dem Gastwirt, "Versprechen muss er halten".

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