Berlin : Start in die Randale-Saison: Justiz kündigt harte Linie an

Berlins Staatsanwälte bereiten sich auf ein arbeitsreiches Wochenende vor. Bei Hooligans und 1.-Mai-Randalierern gilt schnelles Eingreifen

Katja Füchsel

Es ist eine ausgesuchte Schar, die zu Jörg Raupachs Stammkundschaft zählt: rechte Schläger, betrunkene Hools, linke Brandstifter, Steinewerfer, Nazis, prügelnde Fußballfans – kurz: nicht gerade die geistige Elite der Verbrecherwelt. Ein Gedanke, der den Oberstaatsanwalt sichtlich amüsiert. „Angeklagte mit regulärer Arbeit sind tatsächlich eher die Ausnahme“, lacht Raupach, 45, in seinem Dienstzimmer. Er trägt Bluejeans, Hemd, Jackett. Zwei Poster der Alba-Basketballmannschaft hängen an der Wand, auf einem Foto posiert der Staatsanwalt neben ihrem plüschig-weißen Maskottchen. Raupach privat.

Beruflich geht es bei dem Ankläger eher mal zur Sache. Denn Raupach leitet im Kriminalgericht Moabit die Abteilung 11, zuständig für Straftaten mit politischem Hintergrund und für Sportveranstaltungen mit Randalegefahr. Im letzten Jahr hatte die Staatsanwaltschaft Raupach zu ihrem WM-Beauftragten ernannt. Doch so wie es derzeit aussieht, steht ihm und seinem sechsköpfigen Team Ende des Monats eine viel härtere Bewährungsprobe bevor. Für „die 11“ werden es vier lange und turbulente Tage, ein Wochenende, das am Sonnabend in der Alten Försterei mit dem gefürchteten Spiel zwischen dem 1. FC Union und Dynamo Dresden beginnt und am Dienstag mit der traditionellen Kreuzberger Randale am 1. Mai endet. „Das wird für uns hier sicher das Highlight des Jahres“, sagt Jörg Raupach. Wirklich begeistert klingt das nicht.

Alarmstufe eins. Für die krawallträchtigen Tage wollen Polizei und Ankläger in der Kruppstraße wieder die aus WM-Zeiten bewährte ZEB (Zentrale Erstbearbeitung) einrichten, eine Einsatzzentrale, wo die harten Fälle auf ihre Anzeigen und die ganz harten auf den Transport zum Haftrichter warten. Den ersten Hooligan werden sie voraussichtlich am Nachmittag des 28. April in die Zelle sperren, die letzten Steineschmeißer am Morgen des 2. Mai von hier aus zum Bereitschaftsgericht fahren. Viel Arbeit für die sieben Ankläger. „Schlafen werden wir wohl nur abwechselnd“, sagt Raupach.

Zumal sie beim Regionalligaspiel Union gegen Dresden mit dem Schlimmsten rechnen – angesichts des letzten Besuchs der Dynamo-Fans, bei dem es im Oktober 2006 zu schweren Ausschreitungen kam. Hunderte Dresdner Hooligans hatten im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark Sitze aus der Verankerung gerissen und die Sicherheitskräfte attackiert. 38 Menschen wurden verletzt, darunter 23 Polizisten. Raupach hat damals die Dresdner Fußballfans beobachtet, die mit ihren Hetzparolen („Juden Berlin!“) ins Stadion zogen und dann die Bierstände zerlegten, um mit den Eisenstangen auf ihre vermeintlichen Gegner loszugehen. „Beängstigend“, sagt Raupach, „diese Aggression, die sich da entlädt.“

Der jüngste Dynamo-Auftritt – damals ging es gegen Hertha BSC II – hat „der 11“ vor allem Arbeit eingebracht: Rund 30 Verfahren gegen die Hooligans sind noch anhängig, hinzu kommt noch einmal fast die gleiche Zahl an Gegenverfahren. Die meisten Dynamo-Fans, die eine Anzeige bekamen, haben im Gegenzug einen Polizisten angezeigt. Für die Dresdner, ihren Verein und Fanbeauftragten war der Schuldige schnell gefunden: Die Berliner Polizei habe überreagiert und so die Randale selbst zu verantworten. Deshalb bietet das jetzt anstehende Spiel gegen den 1. FC Union für die Hooligans aus Sachsen noch einen ganz anderen Reiz, frei nach dem Motto: „Wir haben mit der Berliner Polizei noch eine Rechnung offen!“

Die Vorbereitung bei Raupach im obersten Stock des Kriminalgerichts hat längst begonnen. Raupach bringt das Konzept auf eine kurze Formel: „Es gelten allerhöchste Sicherheitspriorität und niedrigste Eingriffsschwelle.“ Soll heißen: Wer vorm Stadion besoffen provoziert, bleibt draußen. Für den beliebten Schmähruf „Köpenicker Kinderficker!“ gibt es einen Platzverweis. Für das Abfackeln eines bengalischen Feuers im Zuschauerblock droht eine Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung. Die harte Linie eben. Am vergangenen Mittwoch war Raupach mit dem Polizei-Einsatzleiter in Dresden, um dort dem Verein und dem Fanbeauftragten „unsere Schmerzlinie“ zu beschreiben. Raupach sagt nur wenig über den Besuch, doch es klingt nicht gerade so, als wäre die Delegation in Sachsen auf großes Verständnis gestoßen.

Die Chancen stehen also gut, dass Raupachs Leute noch den gesamten Sonntag mit den Hools im Bereitschaftsgericht verbringen dürfen – um sich dann am Montag auf die Walpurgisnacht in Friedrichshain einzurichten. Schon jetzt wird lebhaft darüber spekuliert, wie viele Gewalttäter die linke Szene zum 20. Jahrestag der Krawalle mobilisieren kann, ob Kreuzberg brennen wird oder ob es, wie im letzten Jahr, eher friedlich bleibt. Raupach aber winkt gelangweilt ab. „Das ist doch Stochern im Nebel“, sagt er.

Als Raupach dann über die vergangenen Mai-Einsätze spricht, spürt man, dass selbst die lästigsten Rituale für Strafverfolger auch etwas Beruhigendes haben, weil sie alles so schön vorhersehbar machen: Immer am 1. Mai („das Grundkonzept der letzten Jahre hat sich bewährt“), immer in Kreuzberg („örtlich überschaubar“), immer fliegen Steine und Flaschen, brennen Autos und Mülleimer („rechtlich überschaubar“). Den 1. Mai will Raupach deshalb nehmen, wie er kommt, nur für das Fußballspiel hätte er einen Wunsch: „Kälte und Regen sind immer hilfreich.“

Wie Innensenator Ehrhart Körting die Sicherheitslage am 1. Mai bewertet, lesen Sie im Interview auf Seite 10.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben