Start-Up Kitchen Stories : Eine Koch-App - aber in "gut"

Die App „Kitchen Stories“ hilft Hobbyköchen. Sie hat bereits vier Millioinen Nutzer aus 150 verschiedenen Ländern. Die neuen Rezepte und Videos entstehen in einer WG-Küche in Berlin.

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Geschmack dank App. Verena Hubertz hat "Kitchen Stories" mitgegründet. Ole Reckzeh arbeitet bei dem Berliner-Start-up, das Hobbyköchen hilft.
Geschmack dank App. Verena Hubertz hat "Kitchen Stories" mitgegründet. Ole Reckzeh arbeitet bei dem Berliner-Start-up, das...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Der süße Geruch gebratener Paprika verbreitet sich in der WG-Küche. Verena Hubertz steht am Schneidebrett und würfelt Zucchini, während der Ofen für das Fladenbrot vorheizt. Ole Reckzeh hält den Tabletcomputer, die vielleicht wichtigste Zutat für den typisch italienischen Brotsalat Panzanella, der heute auf den Tisch kommen soll. „Hast du schon eingestellt, wie viele Leute wir sind?“, fragt Verena Hubertz.

Die 27-Jährige ist eine der beiden Gründerinnen der mobilen Koch-App „Kitchen Stories“. Zusammen mit Mitgründerin Mengting Gao, 25, wohnt sie in der Zwei-Personen-WG in Mitte, deren Küche das Herzstück des Unternehmens ist. Doch heute kocht Gao nicht mit. Sie ist in San Francisco, wo sie Investoren die App vorstellt: Für jedes Rezept gibt es ein etwa fünfminütiges Video, das alle Schritte des Kochprozesses nachvollziehbar macht – damit kein Hobbykoch mehr daran scheitert, eine Vanilleschote auszukratzen. Rund 160 Rezepte sind mittlerweile aufbereitet, von „Leichtem Erdbeer-Spargel Salat“ bis hin zu „Klassischem Coq au Vin“.

Vier Millionen Nutzer aus 150 Ländern

Im März 2013 zogen Verena Hubertz und Mengting Gao nach dem gemeinsamen Studium der Betriebswirtschaftslehre nach Berlin. Der Plan: eine Burrito-Kette zu eröffnen, doch es kam anders. Ein Jahr später gab es „Kitchen Stories“ als App. Bis heute wurde die Anwendung von rund vier Millionen Menschen aus mehr als 150 Ländern heruntergeladen, die Rezepte sind in zwölf Sprachen übersetzt. Zum Team gehören 24 Mitarbeiter, darunter Ole Reckzeh als Art Director. Die mobile Software ist für Apple- und Android-Geräte erhältlich.

In der WG-Küche klingelt das Handy. Verena Hubertz entschuldigt sich – kann sein, dass es etwas Wichtiges aus San Francisco gibt. Als sie zurückkehrt, erzählt sie vom Beginn des Unternehmens: „Anfangs hat unsere Idee niemanden wirklich umgehauen.“ Schließlich gab es online bereits viele Kochanleitungen. Doch Hubertz und Gao fanden: Zu angestaubt, zu viele Fotos, die oft schon vor dem Kochen den Appetit verderben. „Das müsste mal jemand in gut machen“ - das sei der Ansatz gewesen.

Der Brotsalat, für den Verena Hubertz jetzt das Olivenöl auf den Fladen träufelt, gehört zu den „20-Minuten-Gerichten“. Außerdem gibt es Kategorien zu internationalen Klassikern, veganen Gerichten, Essen für Kinder und kalorienarmen Speisen. Ein Rechner berechnet die Zutatenmenge nach der gewünschten Personenzahl. Auch Einkaufslisten werden automatisch generiert. Außerdem gibt es kurze Lehrvideos: Wie schält man Ingwer, wie putzt man Pilze, wie halbiert man mehrere Cherrytomaten auf einmal? Cosima Scholz legt die flache Hand auf ein paar kleine Tomaten und führt vorsichtig das Küchenmesser darunter durch. Als sie die Hand wegnimmt, fallen die Hälften auseinander.

Eine der besten Apps laut Apple

Die WG-Küche ist mittlerweile mit modernster Technik ausgestattet – dank der Kooperationspartner. Wenn Verena Hubertz darüber spricht, merkt man ihr die studierte Betriebswirtschaftlerin gleich an. „Emotionale Markenunterbringung“ nennt sie es, wenn von der Nudel über den Kochtopf bis zum Ofenhandschuh die Produkte der Partner in den Videos auftauchen. Im vergangenen November fanden sich Hubertz und Gao dann auf einer Bühne neben Entwicklern von Apps wie „Angry Birds“ und „Die Sims“ wieder. Apple hatte „Kitchen Stories“ als eine der besten Apps 2014 ausgezeichnet. Dass die Idee zur Koch-App derart abheben würde, damit hat niemand gerechnet. Doch für die beiden Frauen war klar: Wenn sie mit einem Projekt erfolgreich sind, dann soll es bitteschön etwas sein, für das sie sich gerne die Nächte um die Ohren schlagen.

Jetzt wirft Hubertz schnell einen Blick auf den Bildschirm, um sicherzugehen, dass sie die Zucchini richtig würfelt. „Wir bekommen viel Feedback von Leuten, die gerade von zu Hause ausgezogen sind und auf einmal selbst kochen müssen“, sagt sie. Aber auch für ältere Nutzer könne „Kitchen Stories“ nützlich sein. Reckzeh erinnert an einen 65-jährigen Mann aus den USA, der die App nach dem Tod seiner Frau entdeckte. „Seine Kinder haben ihm ein Tablet geschenkt und mit unserer App ist er zum Hobbykoch geworden.“ Neulich hat Reckzeh selbst zum ersten Mal in seinem Leben einen Kuchen gebacken – den „Manhattan Cheesecake“ nach dem „Kitchen Stories“-Rezept.

Jetzt meldet sich der Tablet-Computer mit einem fröhlichen Lied. „Die Ofenzeit ist abgelaufen“, erklärt Reckzeh. Die Rezeptauswahl wird mittlerweile ergänzt durch rund 3000 Rezepte bei „My Kitchen Stories“. Hier stellen die Nutzer eigene Rezepte ein. Die App funktioniert also auch als Netzwerk, in dem sich die Nutzer austauschen und eigene Fotos hochladen. Auch Ole Reckzeh knipst ein paar Bilder vom fertigen Panzanella Brotsalat. Dass sie mal selbst zum Kochen kommen, ist für die Runde in letzter Zeit schließlich fast schon wieder etwas Besonderes.

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