Berlin : Stasi-Gedenkstätte: Die Intrige findet nicht statt - aus wahltaktischen Gründen

Robert Ide

Irgendwie scheint Hubertus Knabe die Schlagzeilen anzuziehen. Erst seit einem halben Jahr leitet der Berliner Historiker die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, schon wird über seine Absetzung diskutiert. Vorwürfe, Knabe betreibe publizistisches Marketing in eigener Sache, statt sich um seine Arbeit zu kümmern, werden aus dem Stiftungsrat der Gedenkstätte kolportiert. Am Montagnachmittag traf sich das Gremium, in dem Bund und Berliner Senat vertreten sind, um über Knabes Arbeitsvertrag zu befinden. Eine heikle Sache, denn die Probezeit des Stasi-Experten und Buchautors läuft am 1. Juli ab. SED-Opferverbände fürchteten eine Intrige - angeführt von Rot-Grün im Bund und der neuen Berliner Koalition. Doch die Intrige fand nicht statt. Einstimmig wurde beschlossen, Knabe unbefristet weiter zu beschäftigen.

Die Debatte macht deutlich, wie schwierig der Umgang mit DDR-Geschichte derzeit in Berlin ist. Der von der PDS tolerierte rot-grüne Senat, der im Stiftungsrat vom Kultur- und vom Justizressort vertreten wird, konnte im Wahlkampf keinen geschichtspolitischen Eklat gebrauchen. Nach Informationen des Tagesspiegel hatte sich das Gremium schon am Wochenende geeinigt, Knabe nicht abzusetzen. Trotzdem blühten die Spekulationen, auch wegen eines Berichts im Magazin "Focus". Darin war eine mögliche Nachfolgerin Knabes präsentiert worden: Gabriele Camphausen, derzeit Leiterin der Nazi-Gedenkstätte "Topografie des Terrors" und schon früher in Hohenschönhausen tätig.

"Diese Gerüchte sind völlig falsch", sagte Camphausen am Montag dem Tagesspiegel. Die Historikerin ist zwar auf Jobsuche - ihr Vertrag bei der Topografie läuft Ende August aus -, allerdings nicht in Hohenschönhausen. Auch aus Senatskreisen war vor der Sitzung zu hören, dass keine Umbesetzungen geplant seien. Nach der Entscheidung herrschte Erleichterung: "Nun können wir uns endlich der inhaltlichen Arbeit zuwenden", sagte Kulturstaatsekretärin Alice Ströver (Grüne), die dem Stiftungsrat vorsteht.

Nach Klärung der Personalien steht die Gedenkstätte Hohenschönhausen inhaltlich auf dem Prüfstand. Derzeit kostet das frühere Stasi-Gefängnis jährlich zwei Millionen Mark, hinzu kommen Sanierungskosten von zehn Millionen Mark. Bund und Land teilen sich das Geld, da Hohenschönhausen als "Gedenkstätte von gesamtstaatlicher Bedeutung" eingestuft wird. Um diesem Status gerecht zu werden, soll sich die Gedenkstätte weiter entwickeln. Derzeit wird unter Knabes Federführung ein neues Ausstellungskonzept erarbeitet. Im Oktober soll es vom Stiftungsrat verabschiedet werden.

Doch nicht nur Hohenschönhausen steht ein Wandel bevor. Auch für die ehemalige Stasi-Zentrale in der Lichtenberger Normannenstraße wird ein neues Nutzungskonzept erarbeitet. Im dortigen Haus 1, in dem auch Erich Mielkes Amtszimmer besichtigt werden kann, sitzen viele kleine Verbände unter einem Dach. Hier ist die Angst bei SED-Opfern vor einer veränderten DDR-Aufarbeitung groß. "Man bekommt das Gefühl, dass alle Gedenkstätten nach Parteiproporz besetzt werden", sagt Bürgerrechtlerin Freya Klier. Besonders die Sozialdemokraten würden "Kaderpolitik betreiben und die Aufarbeitung der Geschichte vernachlässigen". In Hohenschönhausen war Knabe übrigens der Wunschkandidat der SED-Opfer. Als die Stelle 1998 an den SPD-Historiker Siegfried Heimann vergeben werden sollte, intervenierten sie. Im zweiten Anlauf wurde Knabe berufen. Schon damals im Gespräch war Gabriele Camphausen. Sie bewarb sich jedoch nicht.

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