Stasi-Nachschlüssel : Der Schlosser schweigt

Der Schlüsseldienst des „IM Genua“ besteht weiter – und der Sohn des Sicherheitsfachmanns leidet.

Werner von Bebber

Sein Geschäft gibt es noch, doch „IM Genua“ steht nicht selbst im Laden. Der Mann, der die Stasi mit einem großen Sortiment an Nachschlüsseln für West-Berliner Gebäude versorgt hat, ist angeblich zu alt und zu krank, um über seine Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit zu sprechen. Statt seiner muss der Sohn des Schlossers Bernhard Sch. sich mit dem neuen öffentlichen Interesse an seinem Vater auseinandersetzen, und das macht dem groß gewachsenen Mann, der in dem Ladengeschäft in Charlottenburg die Stellung hält, ersichtlich keine Freude. Die Frage, ob Bernhard Sch. zu sprechen sein, kontert er mit dem entrüstet-verzweifelten Satz: „Ist nicht irgendwann mal Frieden?“

Eigentlich ist die Geschichte des „IM Genua“ nicht gänzlich neu. Dass sie nun ein großes Medienecho findet, könnte mit dem durch den Fall Kurras wiedererwachten Interesse an der West-Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit zu tun haben. Und da hat – auch wenn es den Sohn von Bernhard Sch. schmerzt – der Mann mit den vielen Schlüsseln einiges geleistet. Im „Zeit-Magazin“ ist die Rede von Schlüsseln für das Savoy-Hotel – wegen dessen Funktion als Treffpunkt für Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes. Auch soll „IM Genua“ Schlüssel für so ziemlich alle westlichen Autotypen geliefert haben, so dass Mitarbeiter der Stasi, wann immer so ein West-Auto im Osten Berlins herumstand, dieses unauffällig durchsuchen konnten. Nicht so ganz dürfte stimmen, dass der im Fräsen und Feilen so geschickte Handwerker der Stasi sogar den Nachschlüssel für alle Berliner Polizei-Reviere zur Verfügung stellte. Das sei Unfug, sagt dazu der ehemalige Polizeipräsident Klaus Hübner dieser Zeitung, einen solchen Schlüssel habe es nie gegeben.

„Genua“ sei für die Stasi eigentlich mehr als nur ein Zuträger gewesen, sagt Hubertus Knabe von der Gedenkstätte Hohenschönhausen, „Genua“ habe der Stasi als „Experte“ gedient. Knabe hat sich mit der Arbeit des Schlossers schon vor zehn Jahren befasst und in seinem Buch über die „West-Arbeit des MfS“ beschrieben, wie „Genua“ im Westen Berlins Schlüssel zum Wohnhaus des DDR-Autors Jürgen Fuchs beschaffte. Fuchs, den die Stasi schlimm drangsaliert hatte, starb vor zehn Jahren; er hatte sich angeblich auch im Westen nie sicher gefühlt.

Den Schlosser Bernhard Sch. und dessen Familie verfolgt die Zusammenarbeit mit der Stasi bis heute. Sein Sohn spricht von einem alten Mann, der kaum schläft, weil er so viel grübelt. Und dem immer weiter übel nachgeredet werde. Habe er denn nicht seine Strafe bekommen – 18 Monate auf Bewährung?! Dem Infarkt sei er nahe gewesen, als die alte Stasi-Geschichte nun wieder die Runde machte.

Dass es dem Schlosser ums Geld gegangen sei, um sich Dinge wie eine Jahreskarte für Hertha BSC kaufen zu können, bestreitet der Sohn von Bernhard Sch. Der eigentliche Grund sei ein anderer gewesen, sagt der große Mann: „Wir hatten Verwandte in der DDR“. Der Schlosser – Opfer einer Erpressung?

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