• Stasi-Vorwürfe gegen Berliner Staatssekretär: Andrej Holm korrigiert Angaben zu seiner Stasi-Zeit
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Stasi-Vorwürfe gegen Berliner Staatssekretär : Andrej Holm korrigiert Angaben zu seiner Stasi-Zeit

Selbsttäuschung oder Lüge? Der frisch ernannte Staatssekretär Andrej Holm will nicht gewusst haben, dass er hauptamtlicher Mitarbeiter der Stasi war.

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Kathrin Lompscher und Andrej Holm meiden den Begriff Lüge und ziehen sich auf Holms "damaligen Wissensstand" zurück.
Kathrin Lompscher und Andrej Holm meiden den Begriff Lüge und ziehen sich auf Holms "damaligen Wissensstand" zurück.Foto: dpa/ Reiner Jensen

Abwarten, heißt die Devise in der Sache Andrej Holm. Der auf Abruf ernannte Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung folgt ihr genauso wie seine Chefin Katrin Lompscher von der Linkspartei. Die neue Senatorin sprach am Mittwochabend bei einem wegen der vielen Anfragen schnell anberaumten Medientermin von Transparenz, die sie schaffen wolle. Doch zunächst ist Abwarten angesagt – und eine Antwort auf die Frage, wie lange das noch geht.

Die Grünen, frisch liierter Koalitionspartner der Linken und der SPD, werden ungehalten. Antje Kapek, Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus, erklärte am Mittwochabend: „Ich bin schon einigermaßen über die neue Wendung in Herrn Holms Biografie verwundert. Es ist fraglich, ob nun tatsächlich alle Fakten zu seiner Stasi-Tätigkeit auf dem Tisch liegen. Deshalb muss es eine umfassende Überprüfung seiner Vergangenheit geben.“

Von einem schlechten Start des Modellprojekts Rot-Rot-Grün ist schon die Rede. Trotzdem wollen Lompscher und Holm abwarten. Prüfen sollen – so Lompscher – im Zweifel die Juristen der Personalabteilung, was genau die Akte Holm enthält und ob ihn das als Lügner in eigener Sache dastehen lässt. Die Akte hofft man demnächst irgendwann von der Stasi-Unterlagen-Behörde zu erhalten. Dabei ist jetzt schon klar, dass Holms Auskünfte an Arbeitgeber, vor allem die Humboldt-Universität, in der Sache nicht korrekt waren.

Holm sah sich Auszubildender, daher nicht als hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter

Der Mann mit dem freundlich-weichen Gesicht und der hart-linken Einstellung zu allem, was mit Gentrifizierung zu tun hat, ist bei der Erklärung seiner Vergangenheit in dauerhafter Erklärungsnot. Vor Jahren schon hat er in einem Interview zugegeben, er habe im Herbst 1989 eine Laufbahn bei der Stasi angestrebt und deshalb eine Ausbildung beim „Wachregiment Felix Dzierzynski“ begonnen.

Heute erinnert er sich recht genau an den Herbst ’89. Nach sechs Wochen sei er in eine Schreibstube abkommandiert und mit dem Zusammenschreiben von Lageberichten beauftragt worden. Das sei, sagt er, für ihn Teil der Ausbildung gewesen, Vorstufe zum angestrebten Studium. Weil er sich als Auszubildender sah, habe er in allen offiziellen Auskünften verneint, hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter gewesen zu sein.

Lompscher und Holm meiden den Begriff Lüge und ziehen sich auf Holms „damaligen Wissensstand“ zurück. Spätestens seit einem Interview von 2007, indem Holm über seine Vita sprach, gehe er „offen“ mit seiner Vergangenheit um, betonen beide. Ob er sich, was die „hauptamtlichen Tätigkeit“ angeht, wirklich irrte oder sich über sich täuschte oder ob er andere in der Annahme belog, so einen Universitäts-Fragebogen sehe sich ohnehin keiner genau an: Das weiß nur er selbst.

"Ein antifaschistisches Land muss geschützt werden"

Heute entwirft er das Bild eines Jungen, der in einer Familie von Stasi-Mitarbeitern groß geworden sei. In der Gedenkstätte Sachsenhausen habe sein Großvater ihm die Rest der Baracke gezeigt, in der er misshandelt worden sei. „Ein antifaschistisches Land muss geschützt werden“, sei die Folgerung des jungen Holm gewesen, sagt er heute. Das brachte ihn zur Grundausbildung beim Stasi-Regiment.

Recht genau erinnert sich Holm auch an Gespräche im Herbst ’89. Man habe doch geahnt, dass man später gegen Demonstranten abkommandiert werden würde, sagt er – und darüber gesprochen, ob man mit einem gebrochenen Finger um so einen Einsatz herum käme. Auch zuhause habe man über die Lage gesprochen. „Uns allen war bekannt, was in Peking passiert ist“, sagt er in Anspielung auf das Massaker auf dem Tien-An-Men-Platz im Juni 1989. Bewusst war ihm das alles. Doch wollte er nicht die Seite wechseln. Nicht weitermachen bei der Stasi im Oktober 1989? „Diesen Mut hatte ich halt nicht.“

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