Statistik : Radler und Fußgänger leben wieder gefährlicher

Die Zahl der Verkehrstoten nimmt erneut zu. Die Polizei beklagt Unachtsamkeit von Autofahrern – und hofft auf mehr Radspuren.

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Irgendwie auch Teil der Berliner Radkultur, dieser Straßenkünstler am Großen Stern. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos aus Berlin an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
Foto: Maurizio Gambarini/dpa
30.08.2017 13:46Irgendwie auch Teil der Berliner Radkultur, dieser Straßenkünstler am Großen Stern. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre...

Wenn Markus van Stegen auf die Wetterprognosen schaut, wünscht er sich möglichst eiskalte Temperaturen. „Wenn es mild bleibt, sind weiterhin besonders viele Radler und Fußgänger unterwegs“, sagt der Leiter des Sachgebietes Straßenverkehr bei der Berliner Polizei. In diesem Fall rechnet van Stegen mit noch mehr Toten und Schwerverletzten bei den schwächsten Verkehrsteilnehmern bis zum Jahresende. Die Unfallbilanz für 2011 sieht ohnehin schon schlecht aus: Bislang wurden acht Radler und 27 Fußgänger getötet, das sind bereits zwei Radfahrer und drei Fußgänger mehr als im gesamten Jahr 2010. Autoinsassen verlieren dagegen bei Unfällen in Berlin immer seltener ihr Leben: 2010 waren es fünf, 2011 starb bislang nur ein Insasse.

In den vergangenen Tagen verunglückten erneut drei Radfahrer schwer. Wie berichtet, wurde am Mittwoch ein 17-Jähriger von einem rechtsabbiegenden Mülllaster lebensgefährlich verletzt. Am Donnerstag prallte eine Radfahrerin gegen eine Autotür, die der Fahrer eines Fords ohne Blick über die Schulter geöffnet hatte. Und in der Nacht zum Freitag rammte ein Radler in Mitte eine Ampel. Beide Unfallopfer erlitten schwere Verletzungen.

Dass die Zahl der Radunfälle mit schwerwiegenden Folgen auffällig ansteigt, liegt aus Sicht von Polizeistatistikern und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vor allem an der starken Zunahme des Radverkehrs. So haben Radfahrer aktuell einen Anteil von 15 Prozent am Berliner Verkehrsaufkommen. Im Sommer 2009 waren es noch 13 Prozent.

Bei der Suche nach den Hauptursachen der Radunfälle spielen Aggressionen von Verkehrsteilnehmern für die Polizei eine „geringere Rolle“. Der Straßenverkehr sei nicht hektischer geworden, es gebe auch nicht mehr Ungeduld am Steuer, sagt Markus van Stegen. Polizei und Senat registrieren sogar eine „leichte Abnahme“ des Autoverkehrs bei gleichbleibenden Zulassungszahlen, weshalb bei Pkw-Unfällen inzwischen die wenigsten Menschen schwer zu Schaden kommen.

Wachsende Unachtsamkeit am Lkw- und Pkw-Steuer verursacht laut van Stegen die meisten Radunglücke. Offenbar überfordert die ungewohnte Zunahme des Radverkehrs noch viele Fahrer. So wurden fünf der acht in diesem Jahr ums Leben gekommenen Radler von Rechtsabbiegern gerammt. Allerdings sieht die Polizei auch eine „Hochrisikogruppe“ bei den Radfahrern. „Es ist die Zahl derjenigen, die sich auf ihre Vorfahrt verlassen und ohne umsichtigen Blick zum Autoverkehr bei Grün über die Radfurt fahren.“

Bei den schwer verunglückten Fußgängern beklagt die Polizei gleichfalls wachsende Unaufmerksamkeit. Achtzehn der 2011 tödlich verunglückten Passanten traten unachtsam auf die Straße und verschuldeten so selbst den Unfall. Insgesamt kamen 2011 schon 46 Menschen im Berliner Straßenverkehr ums Leben, darunter zehn Kradfahrer. 2010 waren es 44 Tote. Die Zahl der tödlich verunglückten Radler war in den vergangenen Jahren sogar stark zurückgegangen, sie steigt erst jetzt wieder an. Polizeiexperten sind aber zuversichtlich, „dass es wieder besser wird“. Die zunehmend direkt auf den Straßen markierten Radwege seien der richtige Weg. „So bringt man Radler in den Fokus der Autofahrer.“ Christoph Stollowsky

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