Berlin : Statt der Schaustelle nur ein Blick in die Röhre

Bleibt die Bahn hart, sehen Reisende nichts von der Stadt, weil sie am Hauptbahnhof im Tunnel ankommen

Bernd Matthies

Reisen – das ist heute der schnellste Weg von A nach B. Für den Blick aus dem Fenster bleibt keine Zeit. Vermutlich ist Bahnchef Mehdorn deshalb völlig eins mit dem Zeitgeist, wenn er die Annäherung an Berlin mit der Fernbahn kühl zum Beförderungsfall umdefiniert und den Lehrter Bahnhof, das Zentrum urban aufgemöbelter Brache, zum Entree des neuen Berlin. Zoo? Ostbahnhof? Nur noch Erinnerungsgemüse. Der ICC fährt nicht einmal mehr dran vorbei.

Zugegeben: Eingefleischte Bahn-Nostalgiker haben in den letzten Jahren ohnehin von vielen Dingen Abschied nehmen müssen, etwa dem Blick auf den einst in Berlin weltberühmten niedersächsischen Grenzort Büchen, der heute wie aus der Welt getilgt scheint. Aber es gibt ja noch die anderen Perspektiven. Sie mögen den Fahrplaningenieuren der Bahn suspekt sein – wir hängen dran. Spandau, dann Westkreuz, da der Funkturm!, der Bahnhof Charlottenburg, das Zuckeln über die Bahnbögen am Savignyplatz, endlich da! Dann die Weiterfahrt durch Tiergarten mit Kanalperspektive, der Spreebogen, der Zuckeltrab durch eine morsche Museumslandschaft, wo jede holpernde Zugachse Schockwellen durchs Weltkulturerbe schickte. Berlin Alexanderplatz.

Künftig müssen wir uns die Annäherung an die Stadt per Bahn von Spandau her als eine Art Besichtigungstour unter Brücken hindurch vorstellen, die niemand wirklich sehen will, Putlitzbrücke und Rudolf-Wissell-Brücke, Beusselbrücke und Tegeler-Weg-Brücke. Das Schloss Charlottenburg versteckt sich im Gebüsch, dafür offenbart sich dem Reisenden die ganze Pracht des bröckelnden Westhafens. Der Containerbahnhof an der Heidestraße mag zumindest Bahnfanatiker ein paar Sekunden interessieren, bis schließlich der teure Tunnel den Zug ins Dunkel hüllt. Hauptbahnhof, alle aussteigen bitte. Die ersten Schritte führen vermutlich in ein Einkaufszentrum, das das Niveau seiner Vettern in Nürnberg und Chemnitz anstrebt, wegen der knappen Berliner Kaufkraft aber wohl nicht erreichen wird. Die Strecke führt weiter durch den Tunnel zum Bahnhof Papestraße, der als Kreuzungs- und Brückenbauwerk Eindruck schinden wird. Aber wer dort aussteigen muss, der hat touristisch grundsätzlich etwas falsch gemacht.

Hamburg – das ist das Gegenbeispiel. Wer von Berlin kommt, kriegt dort erst einmal auch nicht viel zu sehen. Geschäftige Gewerbegebiete, ein wenig Vorstadt, Parkplätze, Pendlerbahnhöfe, bis der Hauptbahnhof sich irgendwie dazwischenschiebt. Dann aber kommt es: Der Zug rollt weiter, auf die Kennedy-Brücke zu, durch das grandiose Panorama von Binnen- und Außenalster. Hinter dem transparenten Bahnhof Dammtor ändert sich die Szenerie erneut, zeigt das kleinbürgerliche Altona, Mietshäuser, hinter denen die Weltverheißung des Hafens an der Elbe nur zu ahnen ist – insgesamt eine Stadtrundfahrt in zehn Minuten.

Ob das rentabel ist? Das fragt dort niemand. Es ist gute Reisetradition wie die Fahrt von Westen über den Bahnhof Zoo bis zum Ostbahnhof. Immerhin: Wer mit der Regionalbahn aus Stendal und Fürstenwalde nach Berlin einreist, der darf sich auch künftig an diesem Erlebnis erfreuen.

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