Berlin : Statt Traumstränden sollen nun Tempel die Touristen anlocken

Auf der ITB werben die Tsunami-Regionen um neues Vertrauen

Christoph Stollowsky

Der Tourist am weißen Inselstrand hat einen Zweitage-Bart, rote Shorts und hält eine Tube Sonnencreme in der Hand. Er schaut aufs Meer, dann dreht er sich mit einem entspannten Lächeln um, als hätte er gerade eine Ayurveda-Behandlung genossen, und spricht auf einem Videoschirm zu den dicht gedrängten Messegästen: „Hier ist alles wunderschön und wieder hergerichtet.“ Einige Zuschauer applaudieren, und der Tourismus-Vizechef der thailändischen Insel Phuket, Panu Maswongsa, freut sich. Er steht in der Menge und versichert laut, dass bei ihm Zuhause fast alles wieder in Ordnung sei. Denn knapp drei Monate nach der Flutkatastrophe in Südostasien sprechen ihn hunderte Besucher der Internationalen Tourismus Börse (ITB) täglich auf den Tsunami an.

Deshalb ließ seine von der Flutwelle hart getroffene Region den Videospot mit aktuellen Touristeninterviews für die Berliner Messe drehen. „Unsere Insel geht in die Offensive“, sagt der selbstbewusste Tourismus-Manager, „wir verschweigen hier nichts.“ Wie anders soll man auf der Messe auch die tiefe Kluft überbrücken zwischen den Hochglanz-Postern von Traumstränden, die hier rundherum für Thailand werben, und den noch unvergessenen TV-Bildern von Zerstörung und Tod?

Bei diesem schwierigen Balanceakt ist der Tourismusverband von Phuket allerdings besonders mutig. Die meisten anderen Feriengebiete Thailands zeigen auf ihren Werbeflächen weniger Strandbilder als in früheren Jahren. Sie präsentieren stattdessen geheimnisumwitterte Tempel, Folktänzer, Paradiesgärten oder Büfetts mit kunstvoll aufgehäuftem Thai-Food. Auch die gleichfalls heimgesuchten Urlaubsregionen Sri Lankas und Indonesiens zeigen etwas weniger Sand und Dünung – aber dafür umso mehr zuversichtliche Bilder vom Wiederaufbau.

„Es geht voran“, sagt Kamala Bader, Vertreterin einer Hotelkette in Beruwala, einem Fischer- und Urlaubsort im Südwesten Sri Lankas. Vier ihrer Nobelherbergen hat die Flut heimgesucht, drei sind inzwischen wieder in Betrieb, „was bei uns viel Arbeit schafft“, so die 50-jährige Frau. Denn gut dreiviertel aller Dorfbewohner leben als Hotelangestellte, Taxifahrer oder Händler von den Urlaubern. Und dann sagt Kamala Bader jenen Satz, den fast alle Aussteller in den Asien-Hallen 26 und 5.2 wie abgesprochen parat haben: „Machen Sie bei uns wieder Urlaub, das ist die beste Spende!“

Damit diese Hoffnung aufgeht, haben alle von der Flut getroffenen Urlaubsländer ihre Ausstellungsflächen vergrößert, die Malediven sind sogar auf doppelt so vielen Quadratmetern wie bisher vertreten. Und die Sri-Lanka–Airlines geht mit einem ITB-Schnäppchen in die Offensive: Wer zu zweit fliegt und schnell zur Messe bucht, muss nur ein Ticket zahlen. „Die Leute sollen sich selbst überzeugen, dass vieles bei uns wieder okay ist“, sagt Airlines-Sprecher Oliver Mendetzky. „Sie sollen das überall weitererzählen.“ Von „der Mitleidsmasche“ hält er gar nichts. Aus Not, will er „kein Kapital schlagen.“ Stattdessen schenkt das Tourismus-Team von Sri Lanka seinen Gästen Tee aus, gerät ins Schwärmen über sein „das Land, das keinem gleicht“ – und freut sich über die vielen Stammkunden, „die aus Solidarität ihre Buchungen nicht storniert, sondern nur hinausgeschoben haben.“ Denn spätestens im Sommer 2006 seien die meisten Hotels wieder intakt. Und eine Hostesse in blauer Seidentracht verspricht noch mehr. Die Strände, sagt sie, seien sogar schöner als vor der Katastrophe. „Die Flut hat sie gewaschen.“

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