Stau in Berlin : Verkehrssenator, radeln Sie!

Voll, voll, voll, wo man auch fährt in Berlin. Nicht nur wegen des Christopher Street Days am Samstag. Stephan-Andreas Casdorff will dem Senat die Dienstwagen wegnehmen.

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Das Bild kennt jeder Autofahrer. Rote Bremslichter in Reihe auf der Stadtautobahn A100 in Richtung Funkturm.
Das Bild kennt jeder Autofahrer. Rote Bremslichter in Reihe auf der Stadtautobahn A100 in Richtung Funkturm.Foto: Thilo Rückeis

Wir sind alle ganz doll tolerant, ja, schon klar. Aber irgendwo hört die Toleranz auf – im Straßenverkehr. Und was zu weit führt, führt zu weit. Oder so: Was zu weit ab vom Schuss führt, das führt einfach nicht zum Ziel. Auch jetzt wieder, wo vier – oder fünf? – CSDs durch die Stadt ziehen. Hardenberg zu, Kleist zu, Ku’damm, aber auch nach links abfallend, wie beim Segeln, über Moabit, überall gefangen, alles zu, Tunnel dicht befahren, die Straße am Energieministerium, Tucholsky, Georgen, Mittel, Unter den Linden, egal, wo man fährt – voll, voll, voll. Diese Baustellen in der Stadt … eine Provokation.

Und, nur mal so am Rande, verdammt gefährlich für Zweiradfahrer.

Sich darüber aufzuregen ist jetzt nicht nur einfach so eine Gefühlskiste, weil sich einer in seiner eigenen Kiste darüber ärgert, nicht mit dem Helikopter in die Stadt kommen zu können. So wie es in Sao Paulo die machen, die sich’s leisten können, wo sich doch der Verkehr auf 345 Kilometer staut. Ganz so weit ist es hier noch nicht gekommen.

Die Baustellen sind ein großes Problem in Berlin

Obwohl – man kann den Eindruck bekommen. Und das bei 3,5 Millionen Menschen, im Gegensatz zu 20 Millionen in der Metropolregion Sao Paulo. Das Dumme ist nur: Manche Termine müssen mit dem Auto angesteuert werden, weil sie ganz woanders stattfinden als im eigenen Bezirk, und wenn man dann sogar noch irgendwann am Abend nach Hause kommen und nicht unterwegs übernachten will, weil die Anbindung mit Bahn und Bus … Schluss, alle kennen das.

Tausende Menschen feierten am Samstag in den Berlin den Christopher Street Day.
Tausende Menschen feierten am Samstag in den Berlin den Christopher Street Day.Foto: dpa

Immer wieder hat der Tagesspiegel anhand von Fakten auf das Problem aufmerksam gemacht, ohne Erfolg. Mal sind es 80 große Baustellen, mal 50, dazu diese kleinen Dinger mit weniger als 15 Quadratmetern, die gar nicht erfasst werden, aber tagelang alle Verkehrsteilnehmer belästigen. Es gibt, buchstäblich, tausende „Sondernutzungserlaubnisse“. Und „die Zahlen decken sich mit der Wahrnehmung vieler Berliner, dass das Maß des Erträglichen bei der Einrichtung von Baustellen überschritten ist“, hat der stadtentwicklungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Stefan Evers, schon im März dieses Jahres gesagt.

Der Verkehr soll raus aus der Stadt

Dienstwagen-Parade vor dem Reichstagsgebäude in Berlin.
Dienstwagen-Parade vor dem Reichstagsgebäude in Berlin.Foto: dpa

Aber was passiert? Das: An einem Wochenende, an dem lange vorhersehbar die Situation wegen Veranstaltungen noch schwieriger wird, muss es katastrophal werden. Da gibt es zwei Möglichkeiten zur Erklärung: Entweder ist das gewissermaßen psychologischer Zwang bei den Verantwortlichen, will sagen, sie können nicht anders – oder es ist Methode, nach dem Motto: Wir wollen den Verkehr, in Sonderheit den Autoverkehr, heraus aus der Stadt. Und machen es auf die harte Tour. Indem sie eine Mauer aufbauen. Überall und nicht zuletzt zwischen West und Ost. Wer nur gerade eben mal versucht hat, vom Anhalter Bahnhof zum Köllnischen Park zu kommen. Oder zum Adlergestell. Oder in die Chausseestraße. Oder ein Stück weiter, nach Prenzlauer Berg. Oder in den Süden.

Aber gut, wenn das der Plan ist, dann – ja, dann gilt er für alle! Ausnahmslos, und allen voran für den Senat. Nix mehr mit Dienstwagen und rumfahren lassen, nein, der Regierende, der Verkehrssenator (ja, wir haben einen), wer auch immer, alle gehen sie dann mit gutem Beispiel voran. Genau, sie gehen, radeln, fahren Bahn und Bus. Das wollen wir doch mal sehen.

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