Berlin : Stau in der Zulassungsstelle

Von wegen Neujahrsruhe: Autobesitzer mussten viel Zeit mitbringen – weil die Computer streikten

Martin E. Hiller

In Berlin gibt es einen klassischen Belastbarkeitstest für das Nervenkostüm: Den Gang zur Kraftfahrzeugzulassungsstelle. Das belastende daran ist – neben dem frustrierenden Moment, in dem der Sachbearbeiter auf das Fehlen diverser Unterlagen hinweist – das Warten aufs Herein des Sachbearbeiters. Die einzige Gewissheit besteht darin, dass die Prozedur lange dauern wird, sehr lange. Nun konnte man ja meinen, dass der erste Tag nach Neujahr noch ein guter Tag für so einen Amtgang sei, da müsste der Andrang doch noch überschaubar sein. So meinten es nicht wenige – sie wurden gestern in der Kfz-Meldestelle Jüterboger Straße in Kreuzberg war, herb enttäuscht.

In den Gängen drängten sich die Antragsteller, die Schlange an der Kasse wand sich bis auf den Gang und auf die Treppe hinaus. Bis zum frühen Nachmittag hatte die Meldestelle rund fünfhundert „Vorgänge“ zu bearbeiten. Das entspricht eigentlich einem ganz normalen Werktag. Aber die Wartezeiten waren gestern deutlich länger als üblich, denn: Die Kreuzberger Zulassungsstelle hat mit Beginn des Jahres 2003 ihr System umgestellt. Autobesitzer müssen ihre Gebühren jetzt nicht mehr bar bezahlen, mit Karte geht’s jetzt auch. Und außerdem muss die Zulassungsstelle jetzt zusätzliche Aufgaben übernehmen. Im Bürokratendeutsch: Sie ist jetzt auch für die „Erstversteuerung von Fahrzeugen“ sowie das „Steuerrückständeverfahren“ zuständig (Erklärung siehe Kasten).

Was dem Kunden weniger Bürokratie bescheren soll, brachte erst einmal Ärger. Die Computer streikten, die Mitarbeiter kannten sich mit dem neuen System noch nicht aus. Alles ging langsamer und vor allem bei jenen Wartenden, die den Grund der Verzögerung noch nicht mitbekommen hatten, wurde die Laune immer schlechter. „Ist ja schlimmer als im Supermarkt“, schimpfte einer.

Der Abteilungsleiter der Kfz-Stelle, Dietmar Wisotzky, kann den Unmut durchaus verstehen: „Bei einer Behörde zahlt sowieso keiner gerne. Und dann noch warten, bis Sie Ihr Geld loswerden dürfen – das ist natürlich unangenehm.“

Natürlich habe es Tests mit dem neuen Verfahren gegeben, doch die Praxis könne man eben nicht perfekt nachbilden. „Man hätte Geld zu Testzwecken von den Konten unserer Mitarbeiter abbuchen müssen. Aber davon waren die logischerweise nicht gerade begeistert“, sagt Wisotzky.

Zu allem Überfluss stand zunächst nur eine Kasse zur Verfügung. Am Nachmittag sollte eine weitere für Autohändler geöffnet werden.

Die drei Mitarbeiterinnen der neu eingerichteten Steuerstelle hatten dagegen an ihrem ersten Arbeitstag wenig zu tun, da der Service, den sie zur Beantwortung von Fragen rund um das Thema Kraftfahrzeugsteuern bieten, noch nicht allgemein bekannt ist.

Wisotzky hofft, dass „diese Kinderkrankheiten bald behoben sind“. Berlin sei das erste Bundesland, das dieses Abrechnungsprinzip eingeführt habe. Man konnte keine Erfahrungswerte von anderswo übernehmen. Im kommenden Monat soll ein neuer Bedienbereich eingerichtet werden und die Anzahl der Mitarbeiter wird von 24 auf 32 erhöht.

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