Berlin : Staub auf dem Parkett

Ein Jahr nach der Eröffnung: Im „Goya“ tanzt heute nur die Staatsanwaltschaft

-

Abends, wenn die U-Bahn am Nollendorfplatz all die gestylten Leute ausspuckt, die Lust haben auf Drinks in den vielen Bars im Kiez, dann wirkt der Nachtclub „Goya“ wie eine verlassene Trutzburg. Ein schwarzer Koloss in schwarzer Nacht. Exakt ein Jahr ist vergangen seit der pompösen Eröffnung am 1. Dezember 2005. Die Promi- Dichte war hoch, 2700 Aktionäre sahen ihr Geld – zwölf Millionen Euro – verbaut in einem Tanztempel, der von Stararchitekt Hans Kollhoff restauriert worden war.

Es blieb die vielleicht einzige Nacht, in der im „Goya“ ein rauschendes Fest gefeiert wurde. Ein knappes halbes Jahr später musste der Club dichtmachen. Keine Gäste, mieses Image, hohe Schulden. Insolvenz. Und nun? Was soll man tun mit der Immobilie mitten in der Stadt?

Insider wussten in den vergangenen Monaten von immer neue Gerüchten. Der Nachtclub „Felix“ sei interessiert, dann war vom Konzert-Veranstalter „Trinity“ die Rede, von Machern der Popkomm. Auch die Firma Treugast, Betreiberin des Tempodroms am Anhalter Bahnhof, wurde genannt. Es blieben Gerüchte.

Nun hat in erster Linie der Insolvenzverwalter das Wort. Nach der Pleite drohen den einstigen Beteiligten des Projekts weitere Ermittlungen. Der Insolvenzverwalter des Hauses, Rechtsanwalt Peter Leonhardt, prüft derzeit, ob es bei dem bis heute nicht ganz geklärten Scheitern des ambitionierten Nachtclubs Ansprüche wegen „ungerechtfertigter Bereicherung“ gibt. Kurz nach der Insolvenzanmeldung wurde der „Goya“-Club geschlossen, weil sich kein neuer Investor fand. 90 Mitarbeiter verloren ihre Arbeit.

Das komplett sanierte Haus ging in den Besitz des Immobilienkaufmanns Henning Conle zurück. Ob der nach der Pleite des Goya-Initiators und anfänglichen Betreibers Peter Glückstein wirklich der lachende Dritte ist, hält Insolvenzverwalter Leonhardt allerdings noch nicht für ausgemacht. „Es ist bislang nicht gelungen, einen neuen Investor zu finden“, sagt Leonhardts Sprecher Jochen Mignat. „Daher ist es fraglich, ob der Mehrwert realisiert werden kann.“ Doch Conle, der dem Vernehmen nach immer noch nach einem neuen Nutzer sucht, war trotz Nachfragen nicht zu erreichen. Dafür aber Peter Glückstein. Energisch bestreitet er Gerüchte, die auch von Aktionären und ehemaligen Mitarbeitern genannt werden, er habe sich bereichert. „Ich bin kein lucky Loser. Ich wehre mich nicht nur energisch gegen den Vorwurf der Bereicherung, sondern stelle fest, dass dieser Vorwurf von hoher Absurdität ist.“ Zudem habe er „nicht nur keine Geschäftsbeziehung mit Herrn Conle, oder gar eine Freundschaft, sondern habe diesen Menschen noch nie gesehen oder gesprochen.“ Die Öffentlichkeit habe dem Club einen Korb gegeben, sagt er, das sei einer von vier Gründen. „Zweitens haben wir zu sehr auf das Aktiengeschäft promotet, zu wenig den Club. Drittens: Der Magnetismus konnte sich nicht entwickeln, weil das Raumgefühl nicht stimmte, die Akustik und auch nicht das Licht.“ Und viertens, so Glückstein: „ Vielleicht war es insgesamt ein Kardinalfehler zu glauben, dass die Erwachsenen überhaupt feiern wollen – da bin ich mir heute nicht mehr so sicher.“ Was er derzeit macht, ließ er offen.

Die Insolvenz traf vor allem die bis zu hundert kleinen und mittleren Unternehmen und Handwerker. Nach Ansicht des Insolvenzverwalters haben sie von dem ihnen zustehenden Geld wohl kaum etwas gesehen. Mangels Masse dürften sie wohl leer ausgehen, befürchtet er. „Da wirst du ohnmächtig“, sagt ein Unternehmer.

Nun gibt es Überlegungen von Aktionären und geprellten Bauunternehmen, im kommenden Jahr zivilrechtliche Schritte gegen führende Personen einzuleiten. Damit ist nicht nur Peter Glückstein gemeint. In gut informierten Kreisen, heißt es: „Der Aufsichtsrat hat versagt. Seine Aufgabe ist es, den Vorstandsvorsitzenden zu kontrollieren – das hat er aber offensichtlich nicht getan.“

Die Staatsanwaltschaft ist längst eingeschaltet, und das nicht erst als ein 600-Kilogramm schwerer Tresor trotz Bewachung spurlos mit allen Tageseinnahmen verschwand. Bei der Staatsanwaltschaft laufen seit Sommer Ermittlungen gegen die früheren Geschäftsführer sowie die Planer und Kontrolleure des Baus. Insolvenzverschleppung und Betrug lauten die Vorwürfe, deswegen haben zwei Baufirmen die Bauherren angezeigt. Nun versuchen die Ermittler zu ergründen, ob und ab wann die Goya-Betreiber erkennen konnten, dass ihr Konzept nicht aufgehen würde, wie Oberstaatsanwalt Bernhard Brocher erklärt. Einfach ist das selten, schon gar nicht im „Goya“.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben