Berlin : Stefan Hesse (Geb. 1960)

„Wer gehen lernen will, muss gehen“

von

Das konnte doch nicht alles wahr sein“, notierte er im Tagebuch, „warum trifft es mich, für was werde ich bestraft, warum lässt Gott so etwas zu? Antworten fanden sich keine, die schwarze Leere war betäubend, furchterregend und grausam.“ Bauchspeicheldrüsenkrebs. Der Tumor wird meist spät entdeckt. Wenn die Beschwerden lästig werden, ist es oft zu spät. Ein halbes Jahr noch prognostizierten die Statistiken, anderthalb Jahre hat er sich erkämpft. Wenig Zeit, gemessen an den Jahren, die er sich erhofft hatte; viel Zeit für einen Mann, der weiß, wie kostbar jede Sekunde des Lebens sein kann. Dass er Arzt werden würde wie sein Vater, war von Kindesbeinen an beschlossene Sache. Er hatte das Talent, den Tatendrang, Grenzen auszutesten, zu überschreiten, im Sport, auf Reisen und im Studium. Aus allem, was er erlebte, zog er eine Erkenntnis: Nutze den Augenblick. Denn von einem Moment auf den anderen kann dein Leben ein ganz anderes sein. Das sah er als Neurologe jeden Tag an seinen Patienten. Diagnose Schlaganfall. Von jetzt auf gleich zur Bewegungslosigkeit verdammt. Die Angst, nie wieder alltägliche Dinge tun zu können: Treppen steigen, einkaufen gehen, unbegleitet einen Schritt vor den anderen setzen. Stefan Hesse ging auf die Patienten zu. Er tröstete. Er berührte sie. Es war ihm wichtig, nicht über sie hinwegzusprechen. Wann immer es ging, hat er ihnen selbst aus dem Bett geholfen, sie hingestellt. Ein kleiner Moment Selbstständigkeit. Auf der Visite war seine erste Frage an den Kranken stets: „Was möchten Sie, und was sind Ihre Ziele?“ Wieder gehen können! Er ermunterte, trieb an: „Wer gehen lernen will, muss gehen!“ Er sah, wie die Schlaganfallopfer unter ihrer Bewegungsunfähigkeit litten, und wie mühsam es war, ihnen unter die Arme zu greifen, sie beim Gehen zu stützen. Also entwickelte er einen maschinellen Gangtrainer. Patienten, die bettlägerig sind oder im Rollstuhl sitzen, werden in dieser Apparatur durch eine Art Fallschirmgurt angehoben und im Gleichgewicht gehalten, sodass die Beine in den motorisch getriebenen Fußschienen sich frei bewegen können. Das trieb vielen Tränen der Freude in die Augen. Denn dieses Gefühl, wieder gehen zu können, und sei es mechanisch gestützt, gibt das so lang vermisste Zutrauen in den Körper zurück.

Mit seinem Team brachte Stefan Hesse das Gerät nach nur vier Jahren Entwicklungszeit 1999 zur Marktreife. Inzwischen ist es weltweit Standard. Darauf war er stolz. Und dieses Konzept der apparategestützten Rehabilitation, das so erfolgreich beim Gangtraining half, wandte er auch auf die Behandlung der Bewegungsunfähigkeit von Armen und Händen an. Für jedes Problem des Patienten eine Lösung finden. Das Augenlid kann nicht geschlossen werden? Ein kleines Metallplättchen hilft. Depressive Verstimmungen? Bevor man an den Medikamentenschrank eilt, erst einmal eine Kräutermischung trinken. Jeder Patient hat eine individuell abgestimmte Behandlung verdient. Das kostet Zeit und Kraft. Denn es setzt voraus, dass der Arzt jedes Krankheitsbild genau studiert. Kein automatisiertes Denken! Darauf legte er bei seinen Mitarbeitern Wert.

Zeitweise leitete Stefan Hesse drei Kliniken gleichzeitig. Im Mittelpunkt die Patienten, daneben die Entwicklung der Apparate. Und natürlich wollte er die Forschung nicht vernachlässigen: „Publizieren muss man jeden Tag mindestens eine Stunde, sonst schafft man es nicht.“

Ein Leben wie im Schnelldurchlauf. Dieses Tempo konnte seine Frau mitgehen, weil sie ihn liebte, und seine Kinder, weil sie von früh auf daran gewöhnt waren, dass alle 1440 Minuten eines Tages genutzt sein wollen. Auch als Vater war er bevorzugt Antreiber und Motivator. Selbst im Urlaub entwarf er für den Sohn und die Tochter Aktivitätspläne, liebevoll, aber bestimmt. Die Zeit sollte nicht verstreichen, sondern gemeinsam genutzt werden: „Fang nie an aufzuhören, hör nie auf anzufangen.“

Es war rätselhaft, wo er diese Energie hernahm. Rennrad fahren, Eisschnelllauf Tennis, Schwimmen, nebenbei noch die ein oder andere Sprache lernen. Stau konnte er nicht ertragen, beim Essen wartete er nicht gern, da bevorzugte er die Lokale, wo es rasch ging. Ein anderer wäre längst eingebrochen bei diesem Pensum. Er hingegen hatte alles im Griff. Bis zu dem Tag der Diagnose.

Was hilft gegen Todesangst? Gymnastik morgens, abends Tagebuch, die Arbeit natürlich, die Erinnerung an die blühende Hecke am Seddiner See, Kirschblüten und Schlehen, die Skifahrten im Schwarzwald, das Wettschwimmen im Titisee, die vielen erfüllten Momente. Zeit, mahnt Leonardo da Vinci, der König der Tüftler, ist relativ, und bemisst sich nicht nach Jahren, sondern nach Erlebtem: „Ein gut angewendetes Leben ist lang.“ Stefan Hesse hat sich verausgabt in der Arbeit, im Sport, weil er nicht mit seinem Leben geizen wollte. Warum widerfährt guten Menschen Böses? Darauf hat auch er in seinen letzten Tagen keine Antwort gefunden. Aber sein Trost war, dass er keine Minute seines Lebens vergeudet hat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben