Berlin : Stefan Lühle (Geb. 1968)

Sie können das Glück binden, eine Weile.

Judka Strittmatter

Das Leben ist grausam und gemein, es reißt auch die wahrhaft Liebenden auseinander, gleichwohl es immer weniger von ihnen gibt, weil alles kompliziert ist zwischen den Geschlechtern. Wie ist das auszuhalten, wenn alles Gute, Wertvolle nur von begrenzter Dauer ist, und wenn dem Anfang schon der Abschied innewohnt? Wie lebt man weiter, was hat Sinn?

Der Sinn, sagt Shirley Apthorp, Ehefrau von Stefan Lühle und erst 38 Jahre alt, das waren die sieben Jahre, die wir hatten. Mehr als viele Menschen jemals haben werden. Glückliche Jahre. Drei Sätze, denen man die Vernunft vom Leibe reißen möchte. Doch nichts ist richtiger.

Schon dieser Anfang: Stefan, „ein Mann, der gar nicht wusste, wie schön er eigentlich ist“, sitzt im Konzert, klassische Musik ist seine Liebe, Wagner sein Star. Der Parsifal, Besuche in Bayreuth – alles Sammelstücke einer großen Leidenschaft, die ihm sein Vater, Studiendirektor, mitgab. An diesem Abend ist es Bruckner. Und verabredet ist Stefan Lühle mit einer Unbekannten in der Philharmonie. Er, erfolgreicher Jurist in der Ku’dammgegend, hoch gewachsen, attraktiv – ein Mannsbild, wie es die meisten Frauen gerne hätten – ist Single, länger schon, sehnt sich nach einer Liebe und trifft an diesem Abend Shirley. Shirley aus Südafrika, mit Wahlheimat Berlin. Sie mag schon vor dem großen Ganzen, dass Stefan Anzug trägt und dennoch mit dem Rad vorfährt, nicht, wie er es lieber hätte, in einem Mercedes SLK. Ein feiner Pinkel ist er nicht, er hat nur Edles gern, Dinge mit Stil. Und Shirley mag er auch, von Stund an. Doch dauert es noch ein paar Wochen mit den beiden, sie umschleichen sich, als wenn’s nicht sein kann, dass man ins Konzert geht und gleich den Lebensmenschen trifft. Und das noch in der großen Stadt. So aber läuft es wohl am Ende.

Was wie ein Märchen aussieht im Jahr 2000, ist von Anfang an verschattet: Stefan weiß schon, was mit ihm los ist, womit er leben wird, wird leben müssen. Ein Hirntumor. Vermutlich gutartig – vermutlich. Anfangs bringt er es nicht übers Herz, Shirley aufzuklären, über sich und das Geschwür in seinem Kopf. Er weiß, sie hat schon einen Freund verloren, Herzmuskelentzündung. Doch eine Frau wie Shirley schultert den Tod als Dritten im Bunde auch noch einmal, eine wie sie sagt: Du bist es mir wert. Sie heiraten 2002 und ihre Gäste kommen aus der ganzen Welt. Für die Reise nach Berlin legen sie zusammengenommen einmal die Strecke von der Erde bis zum Mond zurück. Stefan rechnet es aus.

Mit dem Tumor geht es erstmal gut, doch 2003 kommen Kopfschmerzen, Krampfanfälle, die erste Operation. Und eine schnelle Erholung. Beide glauben, sie könnten alt zusammen werden. Die zweite Operation im Sommer vor zwei Jahren bringt das Unfassbare heraus: Stefan wird sterben, bald. Zum Glück wird ihm mehr Zeit bleiben als angenommen, vielleicht, weil Shirley da ist, ihre Liebe und ihre Art ihn mitzureißen, aufzumuntern, zuzusprechen. Und weil er Glück hat und gute Ärzte um sich weiß, die sensibel sind und ihn trotz Krankheit reisen lassen.

Zwischen und nach Bestrahlung und Chemotherapie gehen sie auf Reisen, denn unterwegs ist Stefan glücklich wie sonst kaum. Er will das so. So und nicht anders. Selbstmitleid, Larmoyanz – gibt es nicht. Um Shirley zu helfen mit dem Kranken, fahren Freunde mit, ihr Reisegeld kommt wiederum von Freunden. Stefan ist weich gebettet in einem Netz aus Liebesdiensten, das Menschen, die ihn kennen, freudig knüpfen. So können Shirley und er das Glück für eine Weile binden. In Israel, Südafrika, Venezuela und Australien. Schlappheit unterwegs kommt nicht in Frage, nicht für ihn. Und alles, was klein und plüschig ist unterwegs, das muss gestreichelt werden; Stefan, der große, starke Mann, liebt Tiere sehr.

Längst sieht er verändert aus, das viele Cortison. Doch sein Gesicht lächelt selbst noch, als Ausblicke aufs Meer und Bergpanoramen nur noch als Fotos an Wänden prangen: in seinem Sterbezimmer im Hospiz in Schöneberg. Doch deshalb aufgeben? Später vielleicht. Wieder kommen die Freunde, geben Konzerte, geben Kraft, für Stefan und all jene, die des Lebens letzte Stunden sinnlich haben wollen. Auch ein paar Philharmoniker spielen für die Todgeweihten.

Shirley, Musikjournalistin, aktiviert alles, was Stefan eine Freude macht. Auch nachts ist sie an seiner Seite, auf einem Klappbett. Das Mädchen aus Südafrika ist von Anfang an der Motivator für den Mann, den zeitlebens auch eine kleine Düsternis umweht. Als Jugendlicher war er Gruftie, sein Leben vom Toaster bis zum Handtuch schwarz gefärbt. Dem stand gegenüber: seine Sucht nach Sonne, Wärme. So musste er als Gruftie scheitern, sagt Shirley heute: Mit Sonnenbrand taugt man nicht zum Düsterling.

Unglück im Leben, Glück im Sterben, die Dinge kommen, wie sie kommen wollen. Oder sollen. Stefans Kanzlei erweist sich menschlich, solidarisch, dort darf er sich das Gefühl abholen, gebraucht zu sein. So lange, bis es nicht mehr geht.

Auf seiner Todesanzeige verabschieden sich Menschen von Nordhorn bis Sydney. Seine Art, sagt Shirley, hat Menschen in der ganzen Welt bewegt. Natürlich, sagt sie, könnte sie sich ständig fragen: So ein Unglück, warum ich? Ebenso, sagt sie, kann ich mich fragen: Warum ich nicht? Judka Strittmatter

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