Berlin : Stefan Schroth (Geb. 1934)

„Wie können Sie dem Charme unseres Vorschlags widerstehen?“

Stephan Reisner

Sandhübel hieß sein Kindheitsparadies – Sandhübel nannte er sich auch in der Creative Writing Group des Berliner Buchhändlerkellers. Heute heißt der Ort, an dem er aufwuchs, Písecná. Dort, nahe der tschechisch-polnischen Grenze, besaß die Familie Schroth eine Villa mit Tennisplatz und Blick ins Land.

Die Eltern, ein Mühlenbesitzer und eine Berliner Montessori-Erzieherin, unterhielten ein offenes Haus. Ufa-Stars waren zu Gast, um sich von den Diätanstrengungen der Schrothkur zu erholen, die man ihnen in der benachbarten Kurklinik abverlangte. Mit Hans Albers im Mühlbach angeln zu gehen, war für den jungen Stefan Schroth so selbstverständlich, wie in der Küche jüdischen Getreidehändlern aus Polen beim Essen koscherer Speisen zuzuschauen. An seiner Weltoffenheit änderte auch die Vertreibung nichts.

Einen „Architektur-Kommunikator“ haben ihn Freunde und Kollegen genannt. Er war die erste und wichtigste West-Berliner Adresse für Architekten aus aller Welt. So viele junge Kollegen hat er in seinem Büro begrüßt, aufgenommen und weitervermittelt, dass sich die Traueranzeige liest wie die Teilnehmerliste eines internationalen Architekturkongresses. Über seine Bedeutung als Co-Architekt für die internationalen Stararchitekten der Bauausstellung in den achtziger Jahren sind sich alle einig: Egal wie verworren ein Gespinst aus individuellen Interessen, ästhetischen Ansichten und komplizierten Baurechtsfragen war, in der Sekunde, in der nichts mehr funktionierte, zog er an einer unscheinbaren Stelle des Projektknäuels und löste es wie einen Zauberknoten.

Zur Architektur hatte er spät gefunden. Einer Lehrerin hatte er versprochen, sich nach der Schule dem Theater zuzuwenden. Doch wurde er zunächst „etwas Richtiges“, Industriekaufmann. Anfang der Fünfziger ging er nach London, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, staunte über die Vielfalt dieser Stadt. Das Englische und die Engländer mit ihrer humorvollen Gelassenheit – das liebte er.

Zurück ins kleine Bamberg wollte er nicht. In Berlin löste er sein Versprechen ein und begann, neben dem Job Theaterwissenschaften zu studieren. Aber selbst Seminare wie „Brände im deutschen Theater“ waren ihm noch zu theorielastig. Lieber betätigte er sich als Impressario eines jungen Rezitators mit hellblonden Haaren und makellosen Zähnen. Doch noch bevor Klaus Kinski vom Gitarre spielenden Brecht-Barden zum messianischen Publikumsschreck und Filmstar aufstieg, waren ihre Wege wieder getrennt. Seine Berufung erkannte Stefan Schroth, als er einem Freund beim Architekturzeichnen half. Da entdeckte er die unmittelbare Verbindung von Idee und Wirklichkeit. Das Architektur-Studium, das er aufnahm, führte ihn zu dem wenig älteren Architekten Oswald Matthias Unger, mit dem ihn eine lange Freundschaft verband.

Die achtziger Jahre waren seine Zeit. Er leitete die Wettbewerbsausschreibungen für die Internationale Bauausstellung und gründete ein Büro. Sein Arbeitstil glich einer Performance, er schuf, verteidigte und behauptete seine Entwürfe mit ganzem Körper: „Wie können Sie dem Charme unseres Vorschlags widerstehen?“, fragte er mit weitausgebreiteten Armen. Dann ließ er eine Kaskade betörender Einfälle auf die Zuhörer nieder, bis auch der letzte Zweifler verstummte.

Mit dem Mauerfall verschoben sich die Kräfte in der Stadt. Schnelle Ideen und kapitale Interessen brodelten in der alten West-Berliner Ursuppe auf. Nun kam auch Stefan Schroth als Architekt markanter Gebäude zum Zuge: Löbbecke Bank, Haus der Schweiz, Pumpwerk Wedding, Uhlandhaus. Als der Bauboom verebbte, besann er sich auf Sandhübel, sein Kindheitsparadies, und beschrieb es.

Verschmitzt funkelten seine Augen hinter der Corbusier-Brille, als er im Literaturhaus seine Erzählung „Probleme mit Gott“ vortrug. Es war zu seiner Erstkommunion, als ihm die lang ersehnte Hostie, kaum in den Mund gelegt, durch einen Schluckreflex in den Magen entwischte. Dabei wollte er sie genießerisch auf der Zunge zergehen lassen. Die erhoffte Vereinigung mit Gott blieb aus. Das Publikum schmunzelte. Es hatte einen Sinn für Katastrophen. Stephan Reisner

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