Berlin : „Steglitz bleibt universitärer Standort“

Charité-Chef lehnt Übergabe an Vivantes ab

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Der Senat macht Druck auf die beiden öffentlichen Klinikkonzerne Charité und Vivantes, sich endlich auf ein Konzept zur Kooperation zu einigen. Dabei geht es vor allem um den Südwesten Berlins, wo sich in der Nähe des zur Charité gehörenden Benjamin-Franklin-Klinikums (UKBF) in Steglitz zwei Vivantes-Krankenhäuser befinden: das Auguste-Viktoria- und das Wenckenbach-Klinikum. Aus dem Senat ist zu hören, dass man das UKBF an Vivantes übergeben könnte. Erreicht der Wahlkampf zur Abgeordnetenhauswahl die Krankenhäuser, Herr Ganten?

Es wäre unverantwortlich für die Exzellenz und die Ausstrahlungskraft des Forschungsstandortes Berlin, wenn die Zukunft der Charité nicht in den zuständigen Gremien, sondern öffentlich als Wahlkampfthema debattiert würde.

Warum?

Die Institutionen, von denen die Charité erfolgreich große Summen zur Forschungsförderung einwerben konnte – wie das Bundesforschungsministerium oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft –, werden dadurch zu Recht verunsichert. Wenn die universitäre Zukunft des UKBF in Frage gestellt wird, dann sinkt die Bereitschaft, dort Forschung langfristig zu fördern. Und das wäre auch eine Gefahr für die renommeeträchtigen Sonderforschungsbereiche. Der Regierende Bürgermeister hat kürzlich erklärt, dass er die Berliner Hochschulen im Wettbewerb um die Eliteuniversitäten voll unterstützt. Da wäre es paradox, der Charité solch einen Schaden zuzufügen.

Nun wurden die ersten Vorschläge für eine Kooperation bekannt (der Tagesspiegel berichtete). Danach könnte Vivantes die Krankenversorgung im UKBF übernehmen. Die Charité bliebe für Forschung und Studentenausbildung an dem Campus verantwortlich. Was halten Sie von der Idee?

Wo läge der Nutzen für Berlin und die Charité? Durch eine solche Zusammenarbeit würde die Charité sicher nicht besser werden. Steglitz muss – und wird – in Forschung, Lehre und Krankenversorgung ein universitärer Standort bleiben.

Ein anderes Szenarium sieht den Zusammenschluss des UKBF mit den beiden benachbarten Vivantes-Kliniken vor. Eine denkbare Option auch für Sie?

Solche Detailfragen klären wir mit Vivantes für das Kooperationskonzept, an dem wir gerade arbeiten. Wir verbitten uns, dass Unberufene über die Zukunft der Charité diskutieren. Wenn das jemand tut, dann wir selbst. Grundvoraussetzung dabei aber ist, dass Steglitz ein universitärer Standort bleibt.

Ist eine Zusammenarbeit mit Vivantes aus Ihrer Sicht überhaupt sinnvoll?

Wir sind ein autonomes Unternehmen – auch was die Wahl unserer Kooperationspartner betrifft. Vivantes kann ein solcher Partner sein, muss es aber nicht. Wir sind offen für eine Zusammenarbeit auch mit anderen Krankenhausträgern, wenn das der Charité nützt. Es liegt vor allem im Interesse des Eigentümers beider Unternehmen – dem Land Berlin –, dass wir durch Synergieeffekte Kosten sparen. Außerdem will das Land zu Recht einen ruinösen Konkurrenzkampf zwischen beiden vermeiden.

Vivantes und Charité versorgen in Berlin jährlich rund 300 000 Patienten stationär. Was halten Sie von dem Vorschlag, dass sich die Charité auf die besonders schweren Fälle beschränkt und Vivantes die Grund- und Regelversorgung von Kranken in Berlin übernimmt?

Über die Hälfte der von uns versorgten Patienten sind Schwerstkranke oder sehr komplizierte Fälle. Aber es gibt auf der Welt kein Universitätsklinikum, das die Grund- und Regelversorgung von Patienten komplett anderen überlässt. Denn diese ist für die Ausbildung der Studenten und für die Forschung unverzichtbar. Wir können diese Patienten auch zu konkurrenzfähigen Preisen behandeln und werden das in Zukunft weiterhin tun.

Der neue Vivantes-Chef Holger Strehlau-Schwoll kündigte im Tagesspiegel an, dass bis Frühjahr ein Kooperationskonzept zwischen beiden Unternehmen vorliegt. Halten Sie das für realistisch?

Wir wollen schnell zu einem gemeinsamen Konzept kommen. Aber jetzt öffentlich einen Zeitdruck dafür aufzubauen, lehne ich ab.

Detlev Ganten (64) ist seit 2004 Vorstandschef der Charité. Ingo Bach sprach mit ihm über den Stand der Kooperationsgespräche mit dem Berliner Klinikkonzern Vivantes.

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