Steglitz-Zehlendorf : Kein Geld für Prävention

Steglitz-Zehlendorf verliert 5,5 Millionen Euro – andere Bezirke brauchen das Geld dringender.

Susanne Vieth-Entus

Stolz war Steglitz-Zehlendorf bislang auf seine gute Präventionsarbeit. Kaum ein anderer Bezirk leistet sich so viele Schulstationen und Jugendeinrichtungen wie der Bezirk mit der berlinweit günstigsten Sozialstruktur. Jetzt aber ist die vorbildliche Ausstattung gefährdet, weil die anderen Bezirke dem Präventionsmusterknaben handstreichartig 5,5 Millionen Euro weggenommen haben. Gestern demonstrierten hunderte Schüler, aber auch Eltern und Bezirkspolitiker auf dem Steglitzer Hermann-Ehlers-Platz, damit das Abgeordnetenhaus interveniert.

Ursprünglich sollte Steglitz-Zehlendorf 21,3 Millionen Euro für die „Hilfen zu Erziehung“ bekommen. Dieser Betrag weckte aber die Begehrlichkeiten der anderen Bezirke, die mit ihren Budgets nicht auskommen. Auf der letzten Sitzung der Jugendstadträte wurde deshalb beschlossen, 5,5 Millionen Euro, die rein rechnerisch Steglitz-Zehlendorf zugestanden hätten, auf die Armenhäuser der Stadt, also etwa Neukölln und Kreuzberg, zu verteilen.

Die betroffene Jugendstadträtin Anke Otto (Grüne) fragt sich nun, wozu sich ihr Bezirk jahrelang um gute Präventionsarbeit und sparsames Wirtschaften bemüht hat, wenn die Konsequenz daraus ist, dass die Bezirke, die ihre Budgets überzogen haben, sich nun im Nachhinein auf Steglitz-Zehlendorfs Kosten sanieren können. „Man konterkariert alle Versuche, gute Präventionsarbeit zu leisten“, kommentiert Otto den Beschluss ihrer Kollegen und weiß dabei die empörten Schulen und freien Träger hinter sich.

In den anderen Bezirken hält sich das Bedauern über die handstreichartige Mittelumverteilung allerdings in Grenzen. Selbst Ottos Parteifreundin, Neuköllns Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold, gibt zu, „kein schlechtes Gewissen zu haben“. Schließlich habe Neukölln wesentlich mehr Probleme. Als Beispiel nennt sie die „hoch delinquenten Jugendlichen“, die kostspielig in der Uckermark untergebracht werden müssten. Wenn Neukölln schon Schwierigkeiten habe, die akuten Fälle zu finanzieren, müsse eben die Präventionsarbeit in den sozial besser gestellten Bezirken zurückstehen.

Wie groß das Problemgefälle zwischen den beiden Bezirken ist, macht auch die Zahl der jugendlichen Intensivtäter deutlich: In Neukölln wohnen über 120 von ihnen – rund jeder vierte – , in Steglitz-Zehlendorf laut Vonnekold nur 17. Vor diesem Hintergrund rechnet die Neuköllner Jugendstadträtin nicht damit, dass der Hauptausschuss im Abgeordnetenhaus morgen noch eine Korrektur bei der Mittelverteilung vornehmen wird. Allerdings appellieren die Landespolitiker an die Bezirke, ihre Mittel künftig so einzuteilen, dass sie sich nicht mehr im Nachhinein bei anderen Bezirken „bedienen“ müssen. Susanne Vieth-Entus

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