Berlin : "Steiff in Berlin": Der 10 000-Mark-Teddy

Tanja Buntrock

Das nicht auch noch. Svenin Tiede, Chefin des Edel-Plüschtier-Ladens "Steiff in Berlin" kriegt zu viel. Zwischen den meterhohen Regalen werkeln Handwerker herum, morgen kommt der Steiff-Geschäftsführer das erste Mal vorbei, eine Schlange wartender Leute zieht sich durch das Geschäft und nun möchte Florentine Bredow, selbsternannte Teddy-Expertin und Teddy-Museum-Gründerin, noch einen zweiten Stuhl. "Dann sitzten die Leute hier bis Mitternacht", fürchtet Svenin Tiede. Florentine Bredow wischt die Bemerkung mit einem Handstreich weg. "Wie sonst soll ich den Leuten vernünftige Auskünfte über ihre Teddys geben, wenn alle herumstehen?"

Nachdem die Sitzfrage geklärt ist, empfängt die Expertin die wartenden Leute, die ihre possierlichen Stoff-Tierchen unter dem Arm geklemmt haben, zum Schätztermin. Alter, Marke und vor allem den Wert sämtlicher Plüsch-Teddys, -Kamele, -Hunde und sonstigem Getier wird sie aufgrund ihrer "jahrelangen Erfahrung" bei dieser Sonderveranstaltung bestimmen. Vor 15 Jahren hat Bredow das erste Teddy-Museum in Berlin gegründet. Weit über 5000 verschiedene Tiere sind seither in ihrer Obhut, und Florentine Bredow wird nicht müde zu erwähnen, dass es sich bei dem Museum "um eine weltweit einzigartige Sache" handele. Doch momentan gibt es kein Museum - die Fläche wurde zu klein für die massenhafte Plüschtierware. Die Teddy-Närrin sucht ein neues Domizil.

Zwei kleine Plüsch-Hunde, einen Biber und einen Waschbären kramt die 73-jährige Waltraut Mazurek aus einer Plastiktüte, um sie begutachten zu lassen. Mit einer Lupe untersucht Bredow die Stücke: 50er Jahre, das Material ist Mohair, beim Biber ist der Schwanz kaputt, analysiert sie. "70 bis 100 Mark sind sie jeweils wert." Leider fehlen die "Steiff-Knöpfchen", das Gütesiegel der Markentiere sozusagen. Auf die Knöpfchen legten die Sammler viel Wert. "Aber es bleibt ja trotzdem ein Steiff-Tier", beruhigt Bredow die Frau. Als sie den Steiff-Teddy von Helga Eisel in die Hände bekommt, kann Florentine Bredow "nur noch gratulieren": Aus dem Jahr 1920 stammt der spitzschnauzige kleine Kerl mit den runden Glasaugen. Wert: 10 000 Mark. Helga Eisel fällt aus allen Wolken. 1935 hat sie den Kuschelgefährten von ihrer Mutter geschenkt bekommen. Und weil das Tierchen damals schon recht teuer war, durfte der Teddy nur ins Bett der kleinen Helga, wenn sie krank war. "Damit er geschont wird", fügt die 66-Jährige hinzu. Danach wandern ein "liegender Löwe" im Wert von 300 Mark, ein alter Schlabber-Bär, der kaum etwas wert ist, ein weiterer 20er-Jahre-Teddy im Wert von 10 000 Mark, ein 1000 Mark wertvoller Mini-Bär von 1940 und etliche andere plüschigen Gesellen durch Bredows Hände. Bis kurz vor Geschäftsschluss stehen die Leute Schlange, und obwohl Florentine Bredow schon längst weg sein wollte, schätzt sie weiter - wenn es nach ihr ginge, bestimmt noch bis Mitternacht. Doch da hat Frau Tiede auch noch ein Wörtchen mitzureden.

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