Steigende Mieten in Berlin : Der Senat hat die Verdrängung verdrängt

Verdrängung passiert leise, Quadratmeter für Quadratmeter. Doch erst jetzt, da Kieze sich verändern, ganze Häuserzeilen keine festen Mieter mehr haben und Supermärkte schließen, weil Spätis den Jetset versorgen, erst jetzt wacht die Politik auf. Und reagiert falsch. Ein Kommentar.

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Die Mieten steigen und Bauprojekte stoßen auf Widerstand. Das Dilemma des Berliner Wohnungsmarktes
Die Mieten steigen und Bauprojekte stoßen auf Widerstand. Das Dilemma des Berliner WohnungsmarktesFoto: dpa

Zum Beispiel die Nachbarwohnung: 78 Quadratmeter sanierter Altbau in Latte-Macchiato-Kiezhausen; groß genug für Paare, die in Berlin ihr Glück finden; zu klein für Familien, die dann in die speckgürtligen Außenbezirke ziehen oder gleich raus aufs Brandenburger Land, das längst Stadt ist. Inzwischen liegt die Miete nebenan bei 1300 Euro, nach fünf Mieterwechseln in neun Jahren. Die jüngste Erhöhung betrug 20 Prozent zuzüglich neuer Staffelmiete, rechtzeitig vor der im Bundestag beschlossenen Mietpreisbremse. Münchner Preise in Berlin, doch günstig genug für das junge Glück, das gerade aus der nahen Welt hier gelandet ist: ein Ire, eine Amerikanerin und ihr Hund. We love Berlin!

Bloß auf Berliner treffen die Dreitagebarttouristen nicht mehr

Zum Beispiel das Haus um die Ecke: Draußen bröckelt der DDR-Putz und lockt flanierend-fotografierende Touristen an, drinnen sind alle Wohnungen retromodern eingerichtet und online zu haben. Das ganze Haus eine Ferienbude, vermietet vom Cafébetreiber im Erdgeschoss, der sich so die Ladenmiete finanziert. Und seine Eigentumswohnung im Grünen. Bloß auf die Berliner, die die Dreitagebarttouristen auf ihrem Dreitagestrip suchen, treffen sie in Kiezhausen kaum noch. (Manche von denen machen gerade Kurzurlaub in Lissabon.)

Verdrängung passiert leise, Quadratmeter für Quadratmeter. Doch erst jetzt, da Kieze sich verändern, ganze Häuserzeilen keine festen Mieter mehr haben und Supermärkte schließen, weil Spätis den Jetset versorgen, erst jetzt kann das Problem auch von der Politik nicht mehr verdrängt werden. Die Bürger machen mobil, am Sonnabend startete die Unterschriftensammlung für ein Volksbegehren für billigen Wohnraum – ausgerechnet auf dem Tempelhofer Feld, wo der jetzige Regierende Bürgermeister Michael Müller seine größte Pleite erlebte. Die schlecht kommunizierten Bebauungspläne wurden vom Volk abgeschmettert. Nun regt sich fast überall Widerstand, wo neuer Wohnraum entstehen soll.

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Erfolgreicher Start für den Mieten-Volksentscheid

Die Stadt sucht nach einer funktionierenden Förderung für billigen Wohnraum

Der von der wachsenden Stadt überforderte Senat hat sich das Misstrauen selbst erarbeitet. Lange hat er gar nicht in den Häuserkampf eingegriffen. Erst jetzt wird wieder viel gebaut, allerdings eher hochpreisig (selbst von kommunalen Gesellschaften). Der Bund vergoldet hauptstädtische Grundstücke zum Höchstpreis. Die Stadt sucht nach einer funktionierenden Förderung für billigen Wohnraum. Und die kaputtgesparten Bezirke haben nicht genug Leute, um illegale Ferienwohnungen aufzuspüren – wegen Datenschutzes dürfen sie nicht mal im Internet recherchieren. So lange die Stadtregierung nicht die organisierte Unorganisiertheit beendet, so lange werden Bürger skeptisch sein, ob der Wandel sinnvoll ist. In Berlin muss endlich so strikt gegen illegale Vermieter vorgegangen werden wie in New York, zudem braucht es eine transparente Bauförderung und Grundstückspolitik. Denn Wandel ist nötig, schon wegen 40.000 neuer Bürger pro Jahr.

Es wirkt paradox, das Klagen über hohe Mieten und neue Häuser. Es ist aber dem Wissen geschuldet, dass die 1300-Euro- Wohnung nebenan noch teurer wird. Und dem Gefühl, dass die letzten Brachen Berlins für nachgeholtes Bauen verscherbelt werden und dabei das Berlinische verloren geht: Nischen, in denen sich junge Leute mit wenig Geld und vielen Ideen verwirklichen. Erst die historischen Lücken und freien Felder haben die Stadt so anziehend gemacht. Berlin muss bauen, aber gescheit. Denn es darf nie fertig werden.

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