Steigendes Grundwasser : Berlin säuft ab - von unten

Bedrohliche Wassermassen: Das ständig steigende Grundwasser treibt hunderte Hausbesitzer in die Verzweiflung. In Reinickendorf, Steglitz und anderen Bezirken laufen die Keller voll.

Jörn Hasselmann
Mischke
Ärger vorm Haus. Das Ehepaar Mischke aus Heiligensee musste wegen der Wasserschäden seinen Keller freibuddeln. -Foto: Uwe Steinert

Berlin läuft voll – von unten. Der viele Regen im vergangenen Jahr und in diesem Januar hat den Grundwasserstand stark steigen lassen. In Heiligensee laufen Keller voll, in Frohnau, in Friedrichshain ebenso. Und für die betroffenen Hauseigentümer gibt es kaum Hilfe: Denn in diesen Bezirken haben die Wasserbetriebe keine Pumpwerke, die den Pegel senken könnten. So laufen vor allem in Norden Berlins die Keller voll. „Wer sein Haus nicht in einer Wanne gebaut hat, hat jetzt ein Problem“, sagt der Reinickendorfer Baustadtrat Frank Balzer (CDU).

Nach Angaben der Umweltverwaltung stieg das Grundwasser alleine im Januar um bis zu 40 Zentimeter – am stärksten drückt es in den Senken des Urstromtals und an der Havel nach oben. „In 25 Jahren hatten wir nie ein Problem“, ärgert sich der Heiligenseer Hauseigentümer Reinhard Bank. Und der Gründer der Bürgerinitiative, Heinz Neumann, berichtet von mindestens 130 Häusern mit nassen Kellern in Heiligensee und Frohnau.

Derzeit hoffen alle Betroffenen, dass es 2008 deutlich weniger regnet. Der Januar jedoch hat bereits alle Rekorde gebrochen: In Tempelhof wurden 102,8 Liter pro Quadratmeter gemessen, das sind 239 Prozent des Normalwertes. Die Station Eiskeller ermittelte 121,7 Liter, in Tegel war es sogar fast das Dreifache der üblichen Januarmenge. Und das Jahr 2007 hatte bekanntlich bereits im September den alten Rekord von 1926 eingestellt. Insgesamt waren es bis zu 900 Liter Regen pro Quadratmeter.

In Friedenau gibt es immer dann ein Problem, wenn besonders viel Regen in wenigen Stunden fällt – dann steht die „Friedenauer Senke“ unter Wasser. Um die Kosten eines neuen Abwasserkanals wird seit Jahren gestritten. Der Senat will die Anwohner in die Pflicht nehmen, dies lehnt der Bezirk bislang ab. Laut Wasserbetriebe sind die Pläne fertig, mit dem Bau könnte sofort begonnen werden. Nach Angaben der Friedenauer Bürgerinitiative stand der Ortsteil im vergangenen Jahr fünf Mal unter Wasser, die Schäden seien enorm.

Von hohen Schäden spricht auch die Bürgerinitiative in Heiligensee. Sie erwartet nun vom Senat, dass die verschlammten und zugewachsenen Gräben, die Heiligensee entwässern sollen, ausgebaggert werden. Dies würde sehr viel helfen, sagte Heinz Neumann. Doch die Umweltverwaltung dämpft diese Hoffnung. Schuld seien die Bauherren, sagt Alexander Limberg von der Umweltverwaltung – die hätten sich vor Baubeginn informieren müssen, wie hoch das Grundwasser steigen könne. Viele hätten sich gerade in den 60er und 70er Jahren auf einen niedrigen Stand verlassen. Doch damals wurde weit mehr Wasser verbraucht in Berlin, also auch mehr abgepumpt. Grundsätzlich versteht die Umweltverwaltung ihre Aufgabe ganz anders, als es die Hauseigentümer gerne hätten. „Wir müssen das Grundwasser vor den Menschen schützen, nicht umgekehrt“, sagt Limberg.

Ein Kompromiss ist das Grundwassermanagement, auf das sich Umweltverwaltung und Wasserbetriebe geeinigt haben. Derzeit arbeiten zwei Wasserwerke, die längst abgeschaltet werden sollten, nur noch, um das Grundwasser zu senken. Dies verschafft dem Neuköllner Süden und Spandau-Siemensstadt trockene Keller – die Kosten trägt der Steuerzahler. Experten warnen davor, dass die mittlerweile teilprivatisierten Wasserbetriebe kleinere und deshalb unrentable Tiefbrunnen still legen könnten. „Dann würden ganze Stadtviertel absaufen“, sagte ein Experte. Der Sprecher der Wasserbetriebe dementierte derartige Absichten, im Gegenteil solle mit Johannisthal ein altes Wasserwerk wieder in Betrieb genommen werden. Im März werden Wasserbetriebe und Umweltverwaltung ein „Versorgungskonzept vorstellen“.

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