Stelenfeld : Risse im Holocaust-Mahnmal werden zum Normalfall

Viele Stelen des Holocaust-Mahnmals sind von Rissen durchzogen. Doch offenbar hat nicht allein der strenge Winter die Schäden verursacht. Die Stiftung des Denkmals will erst die Ergebnisse eines Gerichtsverfahrens abwarten, bevor sie mit der Sanierung beginnt.

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Sprung im Stelenfeld. Der Beton an vielen Quadern ist beschädigt. Nicht allein der Winter hat den Stelen zugesetzt. Foto: ReutersX01295

Sie sind dünn, manche sogar nur haarfein, aber sie ziehen sich durch den Beton wie zuckende Blitze: Viele Stelen des Holocaust-Mahnmals sind von Rissen durchzogen, eine kalkhaltige Flüssigkeit dringt nach außen und rinnt in langen, hässlichen Bächen an der Oberfläche nach unten. Die Risse gibt es schon mehrere Jahre, die ersten traten bereits ein Jahr nach der Eröffnung des Mahnmals 2005 auf. Zur Zeit sollen 1900 der insgesamt 2711 Stelen betroffen sein, doch jetzt behauptete eine Boulevardzeitung, es seien sogar noch 300 mehr.

„Wir wissen nicht, woher diese Zahl stammt“, sagt Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, „sie ist rein spekulativ.“ Wie jedes Jahr nach der Frostperiode würde die Stiftung in einigen Wochen zählen, wie viele Risse hinzugekommen sind. Seit 2009 läuft ein von ihr eröffnetes Gerichtsverfahren, das klären soll, was die Gründe für die Schäden sind, wer verantwortlich ist und wie die Mängel am besten beseitigt werden können. Die Stelen wurden von der Firma Geither im brandenburgischen Joachimsthal produziert. „Für uns ist das natürlich ein vollkommen unbefriedigender Zustand“, sagt Neumärker, „aber bis das Verfahren nicht abgeschlossen ist, können wir nichts unternehmen und auch nicht mit der Sanierung beginnen.“ Die Besucher seien aber nicht gefährdet: „Das Mahnmal wird nicht bröckeln und auch nicht einstürzen.“

Befürworter der Betonbauweise halten Risse im Beton für unvermeidbar. „Die Betonindustrie bewertet einen Riss nicht als Mangel“, sagt Joachim Schulz. Er ist Lehrbeauftragter an der Beuth Hochschule für Technik Berlin, der ehemaligen Technischen Fachhochschule, und erstellt für die Industrie- und Handelskammer Gerichtsgutachten bei Sichtbetonschäden. 2008 hatte er für die Zeitschrift „Cicero“ – nicht für die Stiftung – den Zustand des Holocaust-Mahnmals eingeschätzt und auf zahlreiche Risse hingewiesen. Thermische Spannung, Hitze, eindringendes Wasser, das sich bei Frost ausdehnt – all das würde Risse unvermeidlich machen. „Es geht immer nur darum, die Rissbreite zu beschränken“, so Schulz. Der strenge Winter hätte bei den aktuellen Schäden nur eine relativ kleine Rolle gespielt. Es kommt aber erschwerend hinzu, dass die Stelen im Inneren hohl sind, was sie für die Thermik anfälliger macht. Hätte man sie allerdings massiv gebaut, hätte das ebenso massive Transportprobleme aufgeworfen – das Betonwerk hätte im Grunde direkt neben dem Mahnmal errichtet werden müssen.

Beim Bau des Mahnmals, das 27,6 Millionen Euro gekostet hat, wurde ein neues Verfahren ausprobiert. Man verwendete sogenannten SV-Beton („Selbstverdichtender Beton“), der besonders flüssig ist und sich von alleine verteilt. Bei herkömmlichem Beton muss dafür ein Rüttler eingesetzt werden. Laut Schulz ist dieser Beton unbewehrt, das heißt, alle 2711 Stelen würden keine stabilisierenden Stahlträger enthalten. Uwe Neumärker widerspricht dem, er sagt, dass zumindest die Stelen, die größer als zwei Meter sind, Stahlträger enthielten. 2005 hieß es, der SV-Beton sei rissfest. „Das hätte man damals nicht behaupten dürfen“, sagt Schulz. Die Stiftung habe es laut Uwe Neumärker „in bestem Wissen und Gewissen“ geglaubt“ – und das, obwohl Peter Eisenman, der Architekt des Holocaust-Mahnmals, schon damals geäußert haben soll: „Concrete cracks“ – Beton reißt. Eisenman hatte seinerzeit die Verwendung eines speziellen Natursteins vorgeschlagen, der aber sehr teuer und schwer zu beschaffen gewesen wäre.

Noch ist nicht abzusehen, wann das Gerichtsverfahren abgeschlossen und mit der Sanierung begonnen werden kann. Inzwischen begeht die Stiftung den fünftenJahrestag des Mahnmals mit einem „Bürgerfest“ am 5. Mai. Dann können sich die Besucher selbst von den Kalkbächen auf dem grauen Beton überzeugen. Sie sehen ein bisschen aus, als seien es Tränen. Was ja in diesem Zusammenhang auch gar nicht unpassend ist. Udo Badelt

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