STELLEN anzeige : Seite 372

An jeder Ecke sieht man Menschen,die in Büchern lesen. Andreas Merkelfragt sie, was darin gerade passiert

Andreas Merkel
Foto: Andreas Merkel
Foto: Andreas Merkel

Die Idee hatte ich schon länger, seit ich viel mit dem Rad fahre. Oft sehe ich im Vorbeifahren Leute in einem Buch lesen. Eigentlich immer ein schönes, ein friedliches Bild. Der Wunsch, es festzuhalten, der Wunsch, zu wissen: Was wird da eigentlich gelesen? Wenigstens den einen Satz, in diesem Augenblick. Das Bild ist aufgenommen an einem Sonntagnachmittag, 16 Uhr, Kiefholzstraße, Ecke Rixdorfer, am Friedhof Baumschulenweg. Ich bin erst vorbeigefahren. Dann dreihundert Meter weiter angehalten. Zurückgefahren: Den fotografierst du jetzt, das wird das erste Bild. Dann wieder umgedreht: nicht heute ... Dann noch einmal umgedreht: Jetzt aber! (Mittlerweile unter den Blicken eines Mädchens an einer Bushaltestelle, die meinen Entscheidungsprozess in Form von waghalsigen Wendemanövern – zum Glück war nicht viel Verkehr – interessiert verfolgte). Schwitzend kam ich bei dem jungen Mann an und erklärte ihm die Idee. Er war sehr nett und schien sich sogar zu freuen: Klar könne ich ihn fotografieren. Der Blumenverkäufer las gerade den Roman „Geraubte Erinnerung“ von Greg Iles. Er war gerade auf Seite 372, der aktuell gelesene Satz lautete: „Auf dem Dach standen mehr Satellitenschüsseln und Funkantennen als auf einer Fernsehstation.“ Das Buch hatte er im Hugendubel in der Karl-Marx-Straße Neukölln gekauft. Weil er bei seiner Arbeit viel Zeit zum Lesen hat, kauft er dort immer drei Bücher auf einmal, aus der Mängelware, für 3,50 Euro. Er entscheidet nach dem Klappentext, was ihn interessiert.

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