Berlin : Stellungskrieg im Orchestergraben

Frontstadt-Theater in den Fünfzigern: Wie aus Bertolt Brechts „Verhör des Lukullus“ eine „Verurteilung“ wurde

Andreas Conrad

Am 17. März 1951 war südlich des 38. Breitengrades die Hölle los. „Das Flusstal des Hongchon wird vom Sperr- und Trommelfeuer von Geschützen aller Kaliber umgepflügt. Die gesamte Front in diesem Gebiet gleicht einem Flammenmeer“, berichtete der Tagesspiegel über die schwerste Artillerieschlacht seit Ausbruch des Koreakriegs. Im Admiralspalast in der Ost-Berliner Friedrichstraße, damals Spielort der ausgebombten Staatsoper, ging es am Abend des Tages vergleichsweise moderat zu. Krieg stand auch hier auf dem Programm: „Das Verhör des Lukullus“, die Oper von Bertolt Brecht und Paul Dessau über den erfolgreichen römischen Feldherren, dessen Ruhm als Gourmet weitaus dauerhafter war. Auch im Opernhaus ging der Frontverlauf quer durchs Terrain, blieb aber seltsam uneindeutig, soweit das aus dem Premierenbericht des Tagesspiegels zu rekonstruieren ist: „Anfängliche Pfiffe opponierender Gruppen, schwächliche Ansätze einer organisierten Demonstration, verstummten bald. Der Beifall steigerte sich am Ende zu begeisterter Zustimmung.“

Die Berichte haben mehr miteinander zu tun als man zunächst erwartet. Im Streit um das „Verhör des Lukullus“, aus dem nach Einwänden der SED-Spitze eine linientreue „Verurteilung“ wurde, kristallisierte sich die Rolle, die Berlin als Frontstadt im Kalten Krieg zu spielen hatte. Über eine Theaterpremiere konnte leicht ein Stellvertreterkrieg entbrennen, diesmal quasi in einer Bürgerkriegsvariante, als Auseinandersetzung zwischen Staatsführung und Staatsdichter.

Mit Lukullus hatte sich Brecht erstmals 1939 im Exil beschäftigt. Unter dem Eindruck des beginnenden Weltkrieges war ein Hörspiel entstanden, in dem Brecht Gericht über die Aggressoren hält: Soeben zu Grabe getragen, muss sich Lukullus dem Totengericht stellen, das ihn und seine Zeugen zu Verdiensten und Verfehlungen befragt. Danach wird entschieden, ob der Gestorbene in die Gefilde der Seligen einzieht oder im Hades schmachtet. Der Schluss blieb offen, dem schwedischen Radio, besorgt um die Neutralität, war der Stoff dennoch zu heiß. Erst 1940 wurde das Stück vom Schweizer Sender Beromünster ausgestrahlt.

Neun Jahre später, nach einem Treffen im Berliner Künstlerklub „Die Möwe“ in der Luisenstraße, konnte Brecht den Komponisten Paul Dessau für eine Vertonung gewinnen. Vor dem Hintergrund der Nürnberger Prozesse entschied er sich diesmal für mehr Klarheit: Lukullus wurde verdammt.

Den Kulturoberen in Ost-Berlin, wo die Funkoper Anfang 1951 endlich auf die Bühne kommen sollte, reichten die Änderungen aber bei weitem nicht aus. Schon der Musik wurde dekadenter „Formalismus“ vorgeworfen und das Stück pazifistischer Tendenzen verdächtigt, da es nicht sauber genug zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg unterscheide. Dessau hätte die Premiere am liebsten verschoben, Brecht war dagegen: „der stoff ist eben jetzt wichtig, wo die amerikanischen drohungen so hysterisch sind“, schrieb er mit Blick auf den Koreakrieg in sein Arbeitsjournal und wandte sich direkt an SED-Chef Walter Ulbricht: Die Oper sei doch „eine einzige Verurteilung der Raubkriege“ und angesichts der Vorbereitung eines Angriffskrieges in Westdeutschland gerade „in einer Stadt wie Berlin, in der eine starke Ausstrahlung nach dem Westen erfolgen kann, doch wohl aufführenswert“.

So kam es zu der als Probeaufführung deklarierten Premiere am 17. März 1951, ein großer Publikumserfolg und eine Schlappe fürs SED-Regime, wie die Westzeitungen sich freuten. Angeblich war ein Misserfolg geplant, das ausgesuchte Publikum habe jedoch seine Karten an Brecht-Anhänger aus dem Westen verkauft. Vom Spielplan verschwand „Lukullus“ trotzdem. In der Ost-Presse wurden Brecht und besonders Dessau hart attackiert. Am 24. März bestellte man beide ins Schloss Niederschönhausen, zu einer dreistündigen Aussprache mit Staatspräsident Wilhelm Pieck, Ministerpräsident Otto Grotewohl und anderen Vertretern von Partei und Regierung. Sie verlief in freundschaftlicher Atmosphäre, und Brecht erklärte hinterher schlitzohrig, wenn Grotewohl nicht Ministerpräsident wäre, würde er wohl versuchen, ihn als Chefdramaturgen zu gewinnen. Dann machte er sich ans Ändern: Pazifismus? Nun, so darf also auch der von Lukullus besiegte König als Verteidiger seines Landes ins Reich der Seligen eingehen. Und wer schickt nun Lukullus nach Asien? Nicht Rom, sondern „die Steuerpächter / und die Silberfirmen und die Sklavenhändler / und die Forumbanken“.

Am 12. Oktober kam es zur erneuten Aufführung, die Ost-Presse mäkelte noch immer. Auch Brecht war, wohl aus anderen Gründen, unzufrieden. In der Werkausgabe ließ er die Hörspielfassung mit angefügtem Urteil drucken. Auch ein Satz, den er nach dem Streit einem West-Journalisten diktierte, grenzt hart an Ironie: „Wo sonst in der Welt gibt es eine Regierung, die so viel Interesse und Fürsorge für ihre Künstler zeigt!“

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