Berlin : Stephan Gebhardt (Geb. 1962)

"Ich liebe es einfach, im Kreis zu fahren."

von

Bevor ihm das Glück dazwischen kam, wollte Stephan Gebhardt Zahnmedizin studieren. Und in den Monaten bis dahin als Trabrennfahrer ein bisschen Geld verdienen.

Glück war: Um halb sechs aus den Federn, um sechs die Pferde füttern und auf die Koppel führen, Boxen ausmisten, Stroh einstreuen. Dann das heilige Frühstück mit Lebensgefährtin Karin, deren Schulfreundin Sylvie, Pferdewirtin Marlen, Hausmeister Herbert, Azubi Jasmin und mit den andern. Danach Training: longieren, anspannen, fahren. Fahrtwind, Pferdeschweiß, Pferdebremsen, Rückenschmerz: herrlich. Zwischendurch Trainingspläne erstellen und die Trainingsbahn glattziehen. Bis sieben Uhr abends die Pferde abwaschen und putzen, danach Karins Frikadellen oder Schnitzel mit Pommes und Pfeffersoße. Das Ganze sieben Tage die Woche.

Stephan Gebhardt lernt in Mariendorf Pferdewirt, Schwerpunkt Trabrennfahren, geht nach Straubing und legt schließlich im Münsterland die Meisterprüfung ab. Dann zurück nach Mariendorf.

Manchmal hat das Glück Aussetzer. Wenn ein Besitzer seine Pferde von Gebhardts Stall abzieht. Wenn ein Tier krank wird. Oder wenn eins während des Rennens in Galopp verfällt. Dann schmeißt Gebhardt Geschirr und Peitsche in die Ecke, schreit „Pissekackearsch“ – und freut sich eine Stunde später schon darauf, am nächsten Morgen wieder auf der Rennbahn zu stehen. Es ist nämlich so: Nicht nur der Erfolg macht ihn froh, sondern überhaupt das Tun. Die Freude an der Arbeit kommt durch die Freude an der Arbeit. Oder in seinen Worten: „Ich liebe es einfach, im Kreis zu fahren.“

Nach dem Mauerfall machen er und seine Freunde Expeditionen in die DDR und lernen, warum sich Trabrennsport und Sozialismus nicht vertragen. Ein Freund erinnert sich, dass die Pferde viel langsamer liefen, weil sie nicht austrainiert waren. Manchmal sollten die schnellsten Tiere langsamer laufen: Wäre doch blöd für die andern, wenn eins mit 50 Metern Vorsprung gewinnen würde. Am 12. August 1990 siegt Gebhardt mit Marketender beim letzten DDR-Derby.

Gebhardt erfüllt sich einen Lebenstraum und pachtet in Deutsch-Wusterhausen eins der alten Berliner Stadtgüter, das zuletzt eine LPG war. Er legt eine Sandbahn an und baut 70 Pferdeboxen.

Endlich können sich die Tiere auf ihren Koppeln richtig austoben; in West-Berlin gab es nur die Rennbahn als Auslauf. Seine Champions, darunter Pat Boon, Banto Clöving, Mike Lobell und Sergeant Crown, danken es ihrem Trainer mit Siegen, insgesamt 352.

Doch der Trabrennsport ist in der Krise: Die alten Fans sterben, junge gibt es nicht. Die Wetteinsätze gehen zurück, immer mehr Wetten laufen übers Internet; die dort wetten, interessiert nur das Ergebnis, nicht das Rennen. 2003 steht Gebhardts Stall zu zwei Dritteln leer. Seine Lebensgefährtin, eine Reiterin, bewegt ihn, auch Reitpferde zu betreuen. So kann der Betrieb weitergehen. Der Freund fragt ihn: Hast du schon mal überlegt, was ganz anderes zu machen? Hat er nicht. Pläne hat er: aus Pferdemist Wärme gewinnen, Solarplatten verlegen, mit Strohpellets heizen.

Am 2. Januar fliegt er nach Österreich zum Skifahren, ein Geburtstagsgeschenk von Freunden. Am 3. Januar fühlt er sich schlapp, bleibt im Bett. Am 4. Januar kommt er mit hohem Fieber und Atemnot ins Krankenhaus. Am 12. Januar wird er ins künstliche Koma versetzt. Die Ärzte fragen, ob er schon mal ernsthaft krank gewesen sei. Nie, sagt Karin. „Er hat nicht geraucht und nicht getrunken, er war den ganzen Tag an der frischen Luft.“ Es ist eine Lungenentzündung. Es ist nicht fair. Wenn Karin, am Krankenbett sitzend, seine Hand nimmt, beruhigt sich sein Puls, die Sauerstoffsättigung steigt. In Wusterhausen verzichten Freunde und Kollegen auf Wochenenden und Urlaub, um die Pferde zu versorgen. Am 12. Februar stirbt Stephan Gebhardt.

Eine Bekannte fragt Karin: „Da hat er sein ganzes Leben nichts als gearbeitet, und was hat er nun davon?“ Das Glück, das hatte er davon.

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