Berlin : Sterben im Zoo

Ekkehard Schwerk

Das Orang-Utan-Weibchen Babu ist gestern im Zoologischen Garten gestorben. Es ist sehr alt geworden, gut 50 Jahre. Und es starb unter den Augen vieler Menschen. Das Tier schlief, vom Leben erschöpft, ein, wurde nicht eingeschläfert, weil es in seiner Erschöpfung keine Schmerzen erlitten hatte. Eine Kreatur, also ein Geschöpf, starb.

Wenn wir von einem Geschöpf sprechen, dann doch im Bewusstsein, dass es auch dazu erschaffen wurde, uns Freude zu machen, ja, auch menschliche Enttäuschungen zu lindern. Wir geben solchen Geschöpfen Namen und damit zu erkennen, dass wir es lieb haben. Und auch Babu hat auf ihren Namen gehört. Wir sollten aber auch aus Respekt vor der

Eigenart der Kreatur ein Tier nicht vermenschlichen. Wenn nun - wie in begriffsunsicheren Nachrichten-Agenturen und nachplappernden Blättern - die Jungen von Babu "Kinder", das Orang-Utan-Männchen ihr "Mann"

genannt werden, dann liegt ein höchst gestörtes Verhältnis von Mensch zu Tier vor. Das liegt aber ganz und gar auf der allenthalben verlogenen Gefühligkeit unserer Zeit, in der die Zeitgenossen weder mit dem Leben, noch mit dem Tod

angemessen umzugehen verstehen. Da werden Sturzbäche von Krokodilstränen vergossen, die kein echtes Gefühl zeigen, geschweige mitzureißen vermögen.

Dem Sterben der Babu haben Zoobesucher über Tage zugesehen. Und wo

es kein Begaffen eines sterbenden Affen war, sondern ein Begreifen von der natürlichen Erschöpfung eines Geschöpfes, da hatte der Zoo dem stets suchenden Menschen einen guten Dienst erwiesen.

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